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LOUISAHHH: DRUCK IM KESSEL

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Dass Louisa Pillot unter ihrem orthographisch langgezogenen Vornamen Musik macht, eröffnet eine Fülle an Deutungsmöglichkeiten. Man könnte eine erotische Konnotation in dieser Schreibweise ausmachen, die das lustvolle Ausrufen ihres Namens impliziert. Man könnte Louisahh aber auch als wutentbrannten, puren Schrei, als selbstbewusstes Statement einer Frau deuten. Dazu passend stehen die drei "H"s als Initialen der Steigerungsfomen "hart, härter, am härtesten".

Was - musikalisch gesehen - durchaus Sinn ergibt. Denn die Musikproduzentin setzt bei ihrem Erstling "The Practice Of Freedom" auf tonnenschwere Beats, die wie bei "Ferocious (Contained)" von einer alles verzerrenden und verzehrenden Basslastigkeit geprägt sind. "Ich habe für dieses Album sehr eng mit Vice Cooler gearbeitet", erklärt Louisahhh. "Er kommt aus einer ganz anderen Ecke als ich, arbeitet im Punk/Rock/Pop/Noise/DIY-Bereich, während ich vom Techno komme, in dem ich meine musikalische Heimat gefunden habe, seitdem ich nach Frankreich gezogen bin". Ihre gemeinsame Vorliebe für den Alternative-Rock der 90er Jahre, vornehmlich Nine Inch Nails, Garbage und Smashing Pumpkins hat sie zusammengebracht.

Aus dieser fruchtbaren Kollaboration ist ein auditiver Bastard von dystopischer Schönheit entstanden, der in "A Hard No" und "Numb, Undone" die Elektronik bis an die Schmerzgrenze komprimiert, während Louisahhh gerade bei letztgenanntem Stück wie ein angeschossenes Tier mit elektronisch verfremdeter Stimme scheinbar ihre ganze Wut, aber auch ihre Angst ungefiltert ins Mikro zu brüllen.

Denn Louisa Pillot ist nicht nur Musikerin, sondern auch Aktivistin und setzt sich für die Gleichberechtigung von Frauen sowie einen toleranten Umgang mit der LGBTQ-Gemeinde ein und unterstützt Musiker und Musikerinnen aus dieser Community. Unter diesem Gesichtspunkt wird "A Practice Of Freedom" sogar zu einem mutigen Manifest eines moralisch aufrechten Menschen, dem die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre nicht egal sind. Bezugnehmend auf den Titel sieht sie deutlich ungute Tendenzen: "In der letzten Zeit gibt es immer mehr inakzeptable Übergriffe gegen unsere Vorstellung von Freiheit, und das fühlt sich schrecklich an."

Gerade ihr Heimatland bereitet der  Künstlerin große Sorge: "Ich bin wütend, frustriert und erschreckt über diese Rechtsextremisten. Du schaust von der anderen Seite des Ozeans auf dein Land, das in Flammen steht - und in dem Freunde und Familie immer noch leben." Dass der neue Präsident nun Joe Biden und nicht einmal mehr Donald Trump heißt, erleichtere sie zwar, die Probleme seien aber damit nicht aus der Welt geschafft. "Ich befürchte, dass rechte Ideologien in den letzten vier Jahren derart salonfähig geworden sind, dass das Ziel einer demokratischen Zukunft, in der eine ökonomische wie menschliche Fairness herrscht, momentan ein frommer Wunsch ist."

Die Musikerin findet die richtigen Worte zu brennenden Themen. So hält sie beispielsweise vom Gendern der Sprache relativ wenig. "Die verwendete Sprache ist das Symptom, nicht die Ursache einer unterdrückenden Kultur", und Rassismus und Vergewaltigung sind "not the elephant in the room, they are the room" - ein derart starkes Bild, das aufgrund der Deutlichkeit keiner Übersetzung bedarf.

So gut "A Practice Of Freedom" in die heutige Zeit passt, mutet für Louisahhh ihr Debüt fast schon unschuldig an, denn: "Das Album wurde bereits 2018 geschrieben, als viel Mist in dieser Zeit passierte, der aber nichts im Vergleich zum jetzigen Zeitpunkt ist." Zwar sei sie ziemlich sauer gewesen, dass ihr Erstling nicht schon früher erschienen ist, sieht aber mittlerweile 2021 als das bessere Jahr für die Veröffentlichung an, "denn die Welt ist erst jetzt bereit für dieses heftige Album, dessen Musik einen gegenwärtigen Bedarf an etwas, das laut, verstörend und wahrhaftig ist, deckt." Schließlich ist, nicht zuletzt durch die Pandemie, ordentlich Druck im Kessel, und Louisahhhs Kunst ein Ablassventil, das zur richtigen Zeit geöffnet wird.

Doch vor allem ist  dieses Album ein autobiografisches Werk, in der sich die Musikerin, die zeitweise unter Drogenproblemen litt, dem Zuhörer auf fast ungefilterte Art und Weise öffnet. Wie bei "Master", einer Liebeserklärung an ihre bessere Hälfte und gleichzeitig eine BDSM-Ballade. Die "Wahrhaftigkeit" von der Louisahhh sprach, erreicht hier ihren intimsten Moment. Dass dieses Stück die Mitte von "The Practice Of Freedom" bildet, ist mindestens genauso bewusst gewählt wie Louisas Künstlername. Damit zeigt sie nämlich unmissverständlich: Die Liebe bleibt - trotz der Ungeheuerlichkeiten auf der Welt.

|TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 12.03.21 | KONTAKT | WEITER: VISIONIST "A CALL TO ARMS">

Webseite:
www.facebook.com/louisahhhofficial


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FOTO © ELLA HERME

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