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FEEDING FINGERS "DO OWE HARM": ZWISCHEN DEN TÖNEN

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Wieder hat ein neues Jahr begonnen. Ein Jahr, das, wie all die anderen zuvor, voll mit Hoffnungen und Erwartungen gespickt ist. Besonders musikalisch lechzt man geradezu nach einem neuen, einem aufregenden Werk, das den langsam zu Ende gehenden 2010ern vielleicht doch noch DEN individuellen Farbstrich verleiht. Denn selbst der Musik-Express hat in einem kulturpessimistischen Endjahresartikel vom "Sterben des Rock'n'Roll" geschrieben.

Autor Stephan Rehm hat nicht ganz Unrecht, wenn er bemängelt, dass neue Rockbands keine Durchschlagskraft mehr besitzen und Alteingesessene Haudegen wie die Foo Fighters nur noch ihr Erbe verwalten. Bleibt als letzte Konsequenz also nichts anderes übrig, als sich komplett dem gemeinen Bad-Boy-Gebaren zu verschließen, da in Zeiten von "Ehe für alle" und frei verfügbaren Schmuddelfilmchen via Internet sowie immer liberaler werdenden Drogengesetzen die Rock'n'Roll-(Beg)leitbegriffe "Sex" und "Drugs" längst obsolet geworden sind.

Findet die nächste Revolution also auf einer ganz anderen Ebene statt? Einer Ebene, die sich rein auf die Musik bezieht und auf ungehörte Tonfolgen stützt, die den Umsturz implizieren?


Wie so etwas klingen könnte, zeigen uns Feeding Fingers mit ihrem neuesten Album "Do Owe Harm". Das besondere an diesem Werk: Seine Songs basieren auf mikrotonaler Musik, so genannten xenharmonischen Tonleitern. Grob gesagt handelt es sich hierbei um "Töne zwischen den Tönen", denn innerhalb eines Halbtonschrittes finden sich natürlich auch Klänge, die wir allerdings als "unharmonisch" wahrnehmen. Nach verschiedenen Auslegungen kann eine Oktave eben nicht nur, wie im herkömmlichen Sinne, acht Noten besitzen, sondern weitaus mehr.


Ein Blick in ein bekanntes Internet-Videoportal belegt, dass diese Art des Komponierens bereits Teil der modernen Klassik ist, über die unzählige Abhandlungen geschrieben worden sind. Tatsächlich wird Mikrotonalität bereits seit Jahrhunderten erforscht. Doch in die Popkultur ist diese Form der Klangerzeugung nur wenig durchgedrungen, weil sie offensichtlich unserem "abendländischen" Wohlklangverständnis im Wege steht und für das leichte Selbstverständnis von "Pop" noch zu anspruchsvoll klingen mag.

Das hat Feeding Fingers aber nicht davon abgehalten, ihr deutlich vom Dark-Wave Cure'scher Provenienz (Justins hoffnungslos heulendes Organ sei Dank) beeinflusstes Werk "Do Owe Harm" auf eben diesen xenharmonischen Tonsystemen aufzubauen. Dafür ließ die Band ihre Synthesizer und Gitarren so umfunktionieren, dass sie genau diese Töne spielen können.

Der Opener "In Hallways Feared From Birth" stößt mit majestätischem Habitus die Tür zur neuen Hörgewohnheit auf. Bereits hier wird der tonale Wahnsinn in schummrige Noten und marschierendem Schlagwerk verpackt. Das Vermengen von vermeintlich schiefen Tönen ergeben am Ende doch wieder ein harmonisches, wenn gleich auch extrem düsteres Gesamtbild, das bei "Motion Cues" dank knackiger Beats und blubbernder Synthiesounds auch die Tanzflächen erobern könnte.

Der Umstand, die grundlegend melancholischen Sounds zwischen den bekannten Tonschritten zu verorten, erzeugt ein weitaus beklemmenderes Gefühl, als es uns die "normalen" Noten überhaupt geben können. Gerade "Arrive A Leech" erinnert stark in Duktus und Weltschmerz an eben jene Kompositionen von Robert Smith, potenzieren sich aber durch die Mikrotonalität in ihrer klaustrophobisch-surrealen Atmosphäre.


Die Stücke of "Do Owe Harm" klingen wie von einem alten Kassettenband abgespielt, das stark eiert. Ein Effekt, der die Vergänglichkeit und die Niedergeschlagenheit der Stücke verstärkt. Gerade "Hate Yourself Kind" (nit deutscher Unterstützung in Form von Saxofonist Philipp Gerschlauer) wirkt wie ein klanggewordener Albtraum, aus dem man nicht mehr erwacht. Die Melodien wabern wie Geister durch die Lautsprecherboxen, immer bereit, den Hörer ins Jenseits zu tragen.

Unbehagen. Das ist es, was die sechste Platte der Feeding Fingers auslöst. Die undefinierten Klänge kratzen am Wirklichkeitsverständnis unseres Gehörs und lassen uns unruhig im Stuhl hin- und herrutschen. Wie der Moment, wenn man langsam in den Schlaf wegdämmert und der Verstand zwischen Traum und Wirklichkeit nicht mehr richtig unterscheiden kann, lässt uns auch Justin Curfman mit seinen Kompositionen in eine somnambule Welt eintauchen, die so viel mehr ist, als Post-Punk uns je versprochen hat und somit das Genre weiterdenkt, es auf eine neue Ebene hievt. Feeding Fingers haben mit "Do Owe Harm" ein Meisterwerk abgeliefert, dessen Genialität langsam aber sicher über Jahre - wenn nicht sogar Jahrzehnte - immer bewusster werden wird. Es ist ein Album mit Langzeitwirkung.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 25.01.18 | KONTAKT | WEITER: FÜNF SONGS MIT GRANDIOSEM FINALE>


Webseite:
www.feedingfingers.net

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