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STREHMANN: "ES GEHT MIR DARUM, DER GESELLSCHAFT EINE ANDERE SICHTWEISE AUF HOMOSEXUELLE LIEBE ZU ERMÖGLICHEN."

Im Gespräch

Fünf Jahre hat sich Ronny Strehmann für sein erstes Solo-Album "Legende" Zeit gelassen. Und es werde erst mal so schnell kein zweites Album folgen, sagt der Berliner Musiker. Denn sein Projekt, schlicht Strehmann betitelt, kommt einem massiven Seelenstriptease eines Mannes gleich, dem es nicht um den schnellen Euro geht, sondern um eine gefühlvollere Darstellung homosexueller Liebe, als jene, die in vielen Medien kolportiert wird.

Strehmann bezeichnest du als "homoromantisches Projekt". Eine interessante Beschreibung, da man selten das Wort "romantisch" in Verbindung mit gleichgeschlechtlicher Liebe verbindet. Wodurch zeichnet sich Homoromantik aus?

"Homoromantik" ist für mich eine treffende Umschreibung des Albums, da sich die Texte der zwischenmenschlichen Beziehung zwischen zwei jungen Männern auf eine romantische, zuweilen melancholische Weise annehmen. Es geht nicht in erster Linie um das Körperliche, sondern um Gefühle, Sehnsüchte, Ängste etc..

Auch Deine Videos, beispielsweise zu "Schwur", zeigen, ähnlich explizit wie einst der Clip von Bronski Beats „Smalltown Boy“, Szenen von sich zwei annähernden junge Männern. Wie sind da bislang die Reaktionen dazu seitens der Hörerschaft?

Sie sind bisher durchgehend positiv, worüber ich mich sehr freue. Sehr dankbar bin ich auch Frank M. Spinath für seinen Mut, bei diesem thematisch eher ungewöhnlichen Projekt mitgemacht zu haben. Das war in der Vergangenheit nicht immer selbstverständlich, wenn es zum Beispiel darum ging, Co-Darsteller für die Videos zu finden.

Oftmals wird das homo-kulturelle Leben als eine nicht enden wollende, orgienhafte und auf die Sexualität bezogene Party dargestellt, eine extreme Überhöhung des alltäglichen Lebens, was man im amerikanischen als „campy“ bezeichnet. Mit Deiner Musik gehst Du genau den entgegengesetzten, introvertierten und melancholisch gefärbten Weg. War Dir diese "Richtigstellung" wichtig?

Ich hoffe sehr, dass es sich dabei um eine "Richtigstellung" handelt (grinst). Wie du es schon andeutest, bin ich der Überzeugung, dass die Repräsentation homosexueller Männer in der Öffentlichkeit einer enormen Schieflage unterliegt. Der Begriff "schwul" ist meines Erachtens vorwiegend konnotiert mit Begriffen wie "Sex", "Lack und Leder", "schrill", "Party" und ähnlichen mehr. Wozu die "Schwulenszene" selbst einen gehörigen Teil beiträgt. Das macht mich sehr traurig, weil ich glaube, dass die Gruppe der Schwulen, die sich nicht vorrangig über ihre Sexualität definiert und sie nicht offensiv nach außen trägt, unter derartigen Klischees zu leiden hat. Meine Musik verstehe ich als einen Gegenentwurf, der dieser Gruppe eine Stimme geben und das Bild der Schwulen in der Öffentlichkeit zurechtrücken soll.

Wie sehr siehst Du da auch die "Gay-Community" in der Pflicht? Immerhin definieren sich nicht wenige gerade auf ihre "sexuelle Sonderstellung" und machen diese zum einzigen Lebensinhalt...

...was recht prätentiöse und bisweilen missionarische Formen annehmen kann. Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden; leider ist es jedoch so: Wer am lautesten schreit, wird gehört, der Rest geht unter oder wird kaum wahrgenommen. Wenn der Großteil der "Gay-Community" wirklich dem kritisierten hedonistischen Bild entsprechen sollte, dann würde es, glaube ich, nichts bringen, dagegen etwas unternehmen zu wollen. Dann ist es halt so. Es geht mir jedoch darum, diese eindimensionale Wahrnehmung mit meiner Musik ein wenig aufzubrechen, der Gesellschaft eine andere Sichtweise auf homosexuelle Liebe zu ermöglichen und somit auf mehr wahrhaftiges, nicht nur institutionalisiertes Verständnis gegenüber Homosexuellen zu hoffen.

Wir leben in Zeiten, in der Homosexualität nicht mehr tabuisiert ist. Dennoch hat die Diskussion um die "Ehe für alle" gezeigt, dass es bis zur totalen Selbstverständlichkeit noch einige Zeit braucht. Wie empfindest Du die Akzeptanz homosexueller Lebensentwürfe?

Trotz aller bisher geäußerten Kritik empfinde ich die Akzeptanz in Deutschland mittlerweile als sehr hoch. Die Diskussion um die "Ehe für alle" ist in meinen Augen eher ein Ablenkungsmanöver von drängenderen politischen Problemen, mit dem Homosexuelle unbewusst instrumentalisiert werden. Was mich gegenwärtig mehr beunruhigt, ist die in Schwulenkreisen nicht ungewöhnliche "gleichgültige" Toleranz gegenüber dem Islam in Hinblick darauf, dass in vielen islamisch geprägten Ländern Homosexualität strafbar ist, bis hin zur Todesstrafe. Für mich ist das widersprüchlich und in meinen Augen werden mit dieser blinden Toleranz unsere gesellschaftlichen Errungenschaften mit Füßen getreten.

Kommen wir mal zu Deinem Album. Du hast es "Legende" getauft. Ein hochtrabender Titel, den wir gerne von Dir erklärt bekommen wollen...

Zum einen ist "
Legende" der Titel einer der Songs auf dem Album, der mir sehr am Herzen liegt und es, denke ich, auch gut repräsentiert. Zum anderen handelt es sich dabei um einen eher altmodischen Begriff, mit dem ich persönlich etwas Geheimnisvolles, Zeitloses und ebenfalls Romantisches assoziiere. Diese Bilder passen für mein Empfinden sehr gut zu den Texten, die wie aus der Zeit gefallen zu sein scheinen. "Legende" ist ein großer und wichtiger Schritt in meiner persönlichen, künstlerischen sowie musikalischen Entwicklung und das wohl bis dato wichtigste Projekt in meinem Leben. Der Aufwand, den ich in den fünf Jahren dafür betrieben habe, war noch höher als bei meinen bisherigen künstlerischen Unterfangen und auch begleitet von zahlreichen Entbehrungen und Kompromissen im Alltag. Deswegen freue ich mich natürlich sehr, dass es nun endlich erscheinen konnte.

Eine der interessantesten Kollaborationen ist jene mit Frank M. Spinath von Seabound und Edge Of Dawn. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Mit Frank habe ich für den Titel "Schwur" zusammengearbeitet. Es handelt sich dabei um eine Geschichte über zwei Freunde, von denen einer in den anderen verliebt ist und mit diesem inneren Konflikt umgehen muss. Erzählt wird die Geschichte in Form eines Gesprächs zwischen den beiden. Da lag es natürlich nahe, dass die Rollen auch von unterschiedlichen Sängern interpretiert werden. Ich bin schon seit vielen Jahren ein Fan von Franks Musik und der Gedanke, dass er die Rolle des anderen Freundes übernimmt, erschien mir sehr reizvoll. Aus den Themen, die Frank in seinen eigenen Texten behandelt, erwuchs meine Hoffnung, dass er "Schwur" aufgeschlossen gegenüber ist. Dem war dann auch so und das war einer der wertvollsten Momente für mich während der Produktionsphase. Dies gilt jedoch auch für alle anderen Gastbeiträge, zum Beispiel von Iris Brandt, Thomas Roese, Kiran Surana, Somanshu Agarwal und vielen mehr. Diese (inter-)nationalen Kooperationen haben dazu beigetragen, dass  das Album noch interessanter und facettenreicher klingt. Mit dem niederländischen Maler Maurice Heerdink stieß zudem ein weiteres großartiges Talent zum Projekt hinzu, das mich bei der Visualisierung unterstützt und u.a. für das Album-Cover verantwortlich zeichnet. Er hat mir auch mental sehr durch die letzte und langwierige Produktionsphase geholfen und ich bin ihm sehr dankbar dafür.

Du bist einem opulent arrangierten Synthie-Pop verpflichtet. Welche musikalische Vorbilder hast Du?
Es gibt viele musikalische Vorbilder und ich schätze jedes von ihnen besonders wegen bestimmer Aspekte, die mich dann auch für "Legende" inspiriert haben. mind.in.a.box wegen der vertrackten und teils ausufernden Songstrukturen. Seabound und Edge of Dawn wegen der ergreifenden, introspektiven Geschichten. De/Vision (vorwiegend die 90er und frühen 2000er Sachen) wegen der romantischen und eingängigen Melodien. Zu erwähnen wären da auch noch Project Pitchfork, Katatonia, Susumu Hirasawa und viele weitere tolle Bands und Musiker. Die alle aufzuzählen würde aber vermutlich den Rahmen sprengen.

Viele Songs wirken dabei sehr kunstvoll arrangiert, sind wie in "Schwur" oder "Liebe" mit einigen Stimmungswechseln versehen. Orientiert sich bei Deinen Stücken der Text an die Melodie oder wird die Musik an den Text während des Entstehungsprozesses angeglichen?

Die Texte machen für mich den Kern des Albums aus. Im Entstehungsprozess der Songs habe ich mich vorher mit jedem Text auseinandergesetzt und mir überlegt, wie man am besten das Instrumental dafür strukturieren könnte, wie es klingen soll und welche Atmosphäre erzeugt werden soll. Die Musik wurde also nach dem Text ausgerichtet. Manchmal habe ich auch von Melodien und Leads geträumt, die dann Eingang in die Lieder fanden (wie bei "Legende", "Free", "How" und "Hey You"). Im Rahmen der Homoromantik sind die Texte und ihre Schwerpunkte sehr abwechslungsreich und das schlägt sich auch in den Liedern nieder.

Du singst übewiegend auf Deutsch, was bei Deiner Themenwahl fast schon logisch erscheint, da man Deine Botschaften auf diese Weise besser erfassen kann. Allerdings nutzt Du eine sehr "poetische", man möchte fast sagen: "gestelzte", Sprache. Das verleiht deinen Nummern etwas Barockes. Wie sehr hast Du an den Texten gefeilt, dass sie diesen speziellen "Strehmann-Sound" besitzen?

Die Texte bzw. Gedichte entstanden in einer Zeit, in der noch nicht abzusehen war, dass sie mal als Liedtexte verwendet werden würden. Deswegen hatte ich jedes Gedicht als ein in sich geschlossenes Werk betrachtet und so lange daran gearbeitet, bis es meinen eigenen Ansprüchen genügte. Wichtig war mir dabei zum einen, so metaphorisch wie möglich vorzugehen und nicht zu sehr in eine profane oder triviale Sprache abzurutschen. Das hätte nicht mehr den Gedanken und Gefühlen entsprochen, die ich beim Schreiben umzusetzen versuchte, weil starke Gefühle für mich etwas "Erhabenes" und "Unantastbares" an sich haben und man sie meines Erachtens als etwas sehr Kostbares ansehen sollte. Der von mir verwendete Sprachstil ist sozusagen eine Form der "
Huldigung". Zum anderen war mir sehr wichtig, ein bestimmtes Versmaß und Reimschema in jedem Gedicht einzuhalten, weil es dadurch einen schönen Rhythmus beim Lesen respektive Hören entwickelt und besser "fließt". Es ist dann ein bisschen wie ein "Tanz der Worte".

Wieviel Ronny Strehmann steckt in Strehmann und "Legende"? Ist das Album gar eine Bloßlegung Deiner intimsten Gedanken und Erfahrungen?

Als ich vor einigen Jahren die Texte geschrieben habe und danach mit der Musik begann, herrschte in mir ein ziemliches Gefühlschaos. Das war die Triebfeder für mein Projekt. Jeder Text ist so persönlich und in einem Maß autobiografisch, dass ich zunächst ernsthaft zögerte, mich damit zu offenbaren. Dann gelangte ich jedoch zu der Überzeugung, dass es nichts Verkehrtes oder Verwerfliches an ehrlichen Empfindungen geben kann und ich entschied mich, "Legende" ohne Kompromisse zu meinem persönlichsten Werk zu machen. Man könnte sagen: Wer das Album kennt, kennt auch mich. Und das vermutlich sogar weitaus besser, als es beispielsweise
ein mehrstündiges Gespräch zu leisten vermag.

"Legende" ist ein überbordendes, vielschichtiges Debüt geworden. Mit welchen Erwartungen geht man da an die Veröffentlichung?

Angesichts der Bedeutung, die das Album für mich persönlich hat, sind meine Erwartungen daran sehr hoch und im Moment kann ich mir nicht vorstellen, in den nächsten Jahren einfach mal so ein zweites Album "nachzuschieben". Ich hoffe sehr, dass das Werk den Hörern gefällt. Vielleicht kann ich dem einen oder anderen Menschen, egal ob homo- oder heterosexuell, damit sogar Hoffnung und Trost spenden. Das Finanzielle, also der Anreiz mit dem Album Geld zu verdienen, stand für mich nie im Vordergrund. Wichtig ist mir, gehört zu werden und die Botschaften zu verbreiten. Je nachdem, wie sich die Resonanz in der nächsten Zeit entwickelt, erwäge ich, einige Songs, die es wegen der Spielzeit von 79:25 nicht aufs reguläre Album geschafft haben, noch separat zu veröffentlichen; entweder als Bonus-CD auf einer physischen Limited Edition von "
Legende" oder digital als EP. Das steht jedoch noch in den Sternen. Im Laufe der kommenden Wochen und Monate werde ich Musikvideos zu "Hey You", "Kartenhaus", "Liebe" und "Legende" veröffentlichen und hoffen, dass sie gut aufgenommen werden.

|| INTERVIEW: DANIEL DRESSLER | DATUM: 21.01.2019 | KONTAKT | WEITER: PHILIPP HOCHMAIR & DIE ELEKTROHAND GOTTES VS. ROME>


Webseite:
www.strehmann-music.com
Fotos © Maurice Heerdink

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