UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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KURZ ANGESPIELT 10/21: A SINISTER LIGHT, ULTRA SUNN, BEAR OF BOMBAY, TENTS - LOCKERUNGSÜBUNGEN
Angesichts der stetig sinkenden Corona-Zahlen darf man verhalten optimistisch sein, was die Rückkehr in eine gesellschaftliche Normalität anbelangt. Sogar die Öffnung von Clubs und Diskotheken scheint in greifbarer Nähe. Neuen Content für die Tanzfläche haben die DJs in mehr als einem Jahr Betriebsverbot sammeln können - und er wird um vier weitere, in höchstem Maße hörenswerte, Platten für die Dance- und After-Hour erweitert.
PARADE GROUND "THE 15TH FLOOR" VS. THEE HYPHEN "INCIDENTIAL TOOLS OF CONFUSION": DIE RÜCKKEHR DER VERLORENEN ALBEN
Ob es an Corona liegt, dass einige Bands sich Zeit genommen haben, ihr altes Songmaterial zu durchforsten und erneut
zu veröffentlichen? Kürzlich hatten wir Toyahs "The Blue Meaning" von 1980 besprochen, nun bescheren uns Parade Ground aus Belgien und Thee Hyphen aus Frankreich einige nostalgische Momente mit ihren Wiederveröffentlichungen, deren Reiz sicherlich in der Geschichtsträchtigkeit der Veröffentlichungen liegen. Natürlich ist auch die Musik schnafte, sonst wäre es müßig, über sie zu schreiben.
THE TINOPENER'S ART "OBSERVATIONS IN A TIME OF CHANCES" VS. CASSETTER "ROBOT ERA": AUS DER VERGANGENHEIT, FÜR DIE ZUKUNFT
Kompromisslos synthetisch sind die Songs von The Tinopener's Art und Cassetter. Dabei ergehen sich Erstgenannte auf ihrem Werk "Observations
In A Time Of Chances" in einem ziemlich detailgetreuen Achtziger-Techno-Pop mit Ausflügen gen Trip-Hop, während die Klangkollegen mit "Robot Era" fulminant alle Synth-Wave-Register ziehen und das goldene Jahrzehnt der elektronischen Musik mit dem musikalischen Verständnis der 2020er paaren. So entfaltet jedes Album seine eigene charmante Momente, deren Vergleich jenem zwischen Äpfel und Birnen nahekommt.
VARIOUS ARTISTS "GRENZWELLEN NEUN" VS. VARIOUS ARTISTS "NIGHT VIBES 2": KUDOS AN DIE KURATOREN!
Seit einigen Jahren beweisen uns zwei feine Männer, wie man interessante und intelligente Sampler gestaltet: Eckert "Ecki" Stieg, großer Weiser der Gothic-Szene, und Axel Meßinger, ein ausgewiesener Musiknerd und Eklekitker im besten Sinne. Ihre aktuellen Kompendien "Grenzwellen Neun" und "Night Vibes 2" blicken wie gewohnt über den Tellerrand hinaus und präsentieren Songs, die in Qualität und Ingenuität auf teilweise ganz anderen Levels angesiedelt sind und die Hörerschaft auch ein Stück weit fordern
.
TOYAH "THE BLUE MEANING EXPANDED": DER OFFIZIELLE ANFANG VON ETWAS AUSSERGEWÖHNLICHEM
Punk rasierte nicht nur die Popindustrie. Sie schaffte es für eine kurze Zeit, Musikerinnen und Sängerinnen die Möglichkeit zu geben, sich künstlerisch vollkommen zu entfalten, ohne irgendwelche Geschlechterrollen einzuhalten, um den Umsatz der Plattenverkäufe zu steigern. Toyah Ann Willcox, die einfach unter ihrem Vornamen Toyah in der prosperierenden Post-Punk- und New-Wave-Ära ihre Karriere begann, gehörte zu den auffälligsten Chanteusen ihrer Zeit. Ihr "offizielles" Debüt "The Blue Meaning" von 1980 wurde nun wieder neu und mit vielen Extras aufgelegt.
KIRLIAN CAMERA "COLD PILLS (SCARLET GATE OF TOXIC DAYBREAK)" VS. SOLOMUN "NOBODY IS NOT LOVED": SEQUENZEN OHNE GRENZEN
Zunächst einmal haben Kirlian Camera und Solomun augenscheinlich nicht wirklich viele musikalische Schnittstellen. Aber dennoch sind ihren beiden aktuellen Werken "Cold Pills (Scarlet Gate of Toxic Daybreak)" und "Nobody Is Not Loved" eines gemein: Sie verpflichten sich keinem Genre. Und trotzdem wirken die Alben alles andere als fahrig oder ausgefranst, sondern geben sich vielmehr so, als sei es das Stinknormalste auf der Welt, alles musikalische Wissen in eine Platte zu packen. Das macht Kirlian Camera und Solomun vielleicht nicht gerade leicht verdaulich, aber dafür umso spannender.
TRAJEDESALIVA "ULTRATUMBA" VS. ANDREAS DAVIDS & SVEN PHALANX "A PSYCHEDELIC TRIP INTO SPACE": TIEF OBEN
Natürlich können leistungsstarke Synthesizer ein komplettes Orchester imitieren. Aber liegt der Charme dieser klingenden Maschinen nicht gerade in ihrer Fähigkeit, einen völlig eigenen Klangkosmos zu kreieren? Trajedesaliva aus Spanien sowie die Eigengewächse Andreas Davids und Sven Phalanx locken aus ihren Kästen unikate Töne, die ihre Alben zu intensiven Kurztrips in andere Aggregatszustände elektronischer Klangerzeugung avancieren lassen. Hier darf der Synthesizer noch sein, was er ist: ein Inventor wundersamer Geräusche.
KURZ ANGESPIELT 9/21: JACK DALTON & THE CACTUS BOYS, THE VOO, HAWEL MCPHAIL, SIN PLUS, WRECKAGE DANCE - DIE SAITENSPIELE SIND ERÖFFNET
Da freut sich der Luftgitarrero: Mit diesen fünf kurzen und langen Werken gelangt das gute, alte E-Gitarren-Riff zurück in unseren Fokus. Der Bogen spannt sich von psychedelischen Americana-Western-Sonds über wild brodelnde Punk-Schrammeleien bis hin zu molllastigen Endzeit-Akkorden, die so wenig Hoffnung wie nur möglich verbreiten wollen. Und es müsste mit dem Musikteufel zugehen, wenn man nicht bei mindestens einem dieser Alben unweigerlich beginnt, in die imaginären Saiten zu hauen.
KURZ ANGESPIELT 8/21: HIEMIS, RITA TEKEYAN, MARK E MOON, PLEIL, OS BARBAPAPAS - DARF'S NOCH EIN BISSCHEN MEHR SEIN?
Ein Drittel des Jahres ist schon wieder rum. Bislang hat uns 2021 nicht gerade mit guten Nachrichten verwöhnt. Und obwohl gerade Kunst und Kultur darbt und äußerst strittige Aktionen wie #allesdichtmachen hervorruft, läßt zumindest die Fülle an neuen Alben (und einem Nachzügler von 2020), die in der nächsten Ausgabe von "Kurz angespielt" unter die Lupe genommen werden, darauf schließen, dass die Pandemie bei vielen Künstlern schaffensreiche Kräfte geweckt hat.
NICK HUDSON "FONT OF HUMAN FRACTURES": GEFÜHLE NUTZEN BITTE DEN HINTEREINGANG!
Nicht selten sind richtig gute Musiker der breiten Masse kaum bis gar nicht bekannt, genießen aber in ihren eigenen Reihen das größtmögliche Ansehen. So dürfte auch Nick Hudson nur wenigen ein Begriff sein. Der Mann, der sonst der - auch nicht übermäßig namhaften - Band
Academy Of The Sun vorsteht, hat aber bereits unter anderem mit Massive Attack oder David Tibet von Current 93 gearbeitet. Sein neuestes Solo-Album "Font Of Human Fractures" zeigt sein ganzes Können im Bereich kunstvoll arrangierten Pops.
TOP 5: VATER-SOHN-SONGS - PROTOTYPISCHE HASSLIEBE
In kaum einer anderen Beziehung wie jene zwischen Vater und Sohn ist so viel Spannungspotenzial. Bereits in den antiken Geschichten wird dieses Verhältnis beleuchtet - Stichwort: Ödipus-Komplex. In der Neuzeit öffneten die Werke des Schriftstellers Franz Kafka in Verbindung mit der aufkommenden Psychonanalyse der Liaison
zwischen Vater und Sohn neuen Interpretationsspielräume. Zum Vatertag gibt es daher fünf wunderbare Vater-Sohn-Nummern, die dieses Verhältnis interessant ausleuchten.
IM GESPRÄCH - DEINE LAKAIEN: "ES WÜRDE UNS FREUEN, DURCH UNSERE INTERPRETATIONEN DEM EINEN ODER ANDEREN MUSIKSTÜCK NEUE HÖRER ZU VERSCHAFFEN"
Alexander Veljanov, charismatischer Sänger von Deine Lakaien hat sich Zeit für UNTER.TON genommen, um einige Fragen zu beantworten, die uns brennend interessieren. Denn auf die Idee zu kommen, ein Coveralbum zu machen, ist nicht unbedingt bahnbrechend. Dieses aber dann mit einem weiteren Album zu erweitern, dessen Songs sich direkt auf die neu interpretierten Fremdkompositionen beziehen, wiederum schon.
CLICKS "G.O.T.H." VS. CIRQUE D'ESS "BLACK SYNTHETIC AND DENSE": DAS NEUE SCHWARZ
Klar, der Gruftie schwooft gerne zu schweren Klängen durch den Raum. Aber seit Nitzer Ebb und Front 242 wissen wir: Es darf auch mal gerne etwas schneller und zackiger zur Sache gehen. Entgegen aller Unkenrufe, die EBM und Dark Wave chronische Stagnation attestieren, beweisen Clicks aus Polen und Cirque D'Ess aus Italien mit ihren aktuellen Werken, dass diese Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt worden ist.
MARQUIS "AURORA" VS. TELEX "THIS IS TELEX": WILLKOMMEN ZURÜCK
Als Marquis De Sade und Telex 1978 anfingen, Musik zu machen, war Europa gerade vom Punk überrollt. Die einen haben Post-Punk geklampft, die anderen auf elektronische Musik gesetzt. Beide Gruppen konnten binnen weniger Jahre Kultstatus erreichen, ehe sie wieder von der Bildfläche verschwanden. Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchen sie wieder auf: Die einen nennen sich nur noch Marquis und spielen sich auf "Aurora" von einem Schicksalsschlag frei, die anderen liefern mit "This Is Telex" ein umfassendes Best-Of-Album inklusive unveröffentlichter Aufnahmen ab.
KURZ ANGESPIELT 7/21: LMX, SECRET OF ELEMENTS, ORIOM, NOVOCIBIRSK, ROBERT SCHROEDER - ALTE UND NEUE MEISTER
Ob jung, ob alt - der Synthesizer macht vor keinem Halt! Deswegen stehen in der nächsten Runde der Kurzbesprechungen fünf ganz wunderbare Werke elektronischer Klangerzeugung im Mittelpunkt. Diese werden aufsteigend nach den Lenzen der jeweiligen Künstler präsentiert, denn sie ergeben eine schlüssige Genealogie und präsentieren das Genre in seiner ganzen Diversität.
ZINN "ZINN": HABEN SIE WIEN SCHON BEI NACHT GEHÖRT?
Wäre ein Album eine Stadt zu einer bestimmten Tageszeit, dann ist Zinns selbstbetiteltes Debüt wie Wien zur Geisterstunde. Der verschrobene Psychedelic-Folk und somnambule Frauengesang klingen fast so, als würden die Geister aus den alten Gemäuern der K. und K.-Monarchie durch die Gassen und Bezirke schweben. Angst davor braucht man aber nicht zu haben, im Gegenteil. Zinn klingen wie die etwas nachdenklichen Freunde, die man ab und an gerne um sich hat.
A.A. WILLIAMS "SONGS FROM ISOLATION" VS. DEINE LAKAIEN "DUAL": VON FREMDEN FEDERN UND WIE SIE SCHMÜCKEN
Alben komplett mit dem Liedgut anderer Künstler zu füllen, sind stets zweischneidige Schwerte. Man muss sich daher schon etwas besonderes einfallen lassen, um das Interesse der Hörerschaft zu wecken. A.A.Williams hat sich für einen extrem reduzierten und dadurch sehr intimen Interpretationsansatz entschieden, der auch ihr Leben im Lockdown eingedenkt. Anders Deine Lakaien: Ihr Doppel-Album besteht zum einen aus Coverversionen, zum anderen aus eigenen Songs, die von den Fremdkompositionen inspiriert wurden.
JANUS "TERROR": DAS GESAMTKUNSTWERK ALS KRAFTAKT
Seit jeher gehen mit der
Veröffentlichungen der Ausnahmeband Janus die Superlativen seitens der Musikkritiker einher. Ihr neuestes, breitwandiges Werk "Terror" entzieht sich jedoch fast sämtlichen Beschreibungs- und Bewertungsversuchen. Die epochale Erzählung einer real stattgefundenen Schiffexpedition aus dem 19. Jahrhundert, die in eine Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes endete, wird von RIG und Toby intensiv und bis zur Schmerzgrenze vorgetragen. "Eine Schifffahrt, die ist lustig"? Von wegen! Himmel und Hölle hat das Zweiergespann in Bewegung gesetzt, um dieses Album, das zunächst gar nicht so geplant war, zu realisieren, wie sie uns im Interview erzählten.
KURZ ANGESPIELT 6/21: GREY GALLOWS, WISBORG, VEIL OF LIGHT, FEU FOLLET - DEPRI ON THE DANCEFLOOR
Wer sagt denn, dass man Schwermut nicht auch tanzend zelebrieren kann? Schließlich waren bereits die Urväter trostloser Unterhaltung, namentlich Joy Division und Bauhaus, nicht um schwungvolle Nummern verlegen. Diese Grundhaltung findet sich spurenelementartig auch in den neuen Werken von Grey Gallows, Wisborg, Veil Of Light und Feu Follet. Sie haben die Traurigkeit für die Tanzfläche entdeckt.
DELGRES "4:00 AM" VS. CHRISTINE SALEM "MERSI": AUS TIEFSTER SEELE
Spätestens seit #blacklivesmatter wissen wir: Die Gleichheit zwischen allen Völkern dieser Erde existiert nur auf dem Papier, das bekanntermaßen sehr geduldig ist. In der Realität sehen sich Afroamerikaner immer noch einem mehr oder weniger offen zur Schau getragenene Rassismus konfrontiert. Und in den aktuellen Alben von Delgres und Christine Salem scheint sich der Jahrhunderte alte Schmerz, aber auch der Widerstand und die daraus resultierende, eigene Lebensfreude in ihren Werken "4:00 Am" und "Mersi" extrem zu verdichten.
IM PROFIL: LOUISAHHH - DRUCK IM KESSEL
"Sex, Tod, Gott" - das sind nach Louisahhhs Angaben die Themen, um die es sich auf ihrem spektaku
lären Debut "The Practice Of Freedom" dreht. Doch hinter dem klanglichen Konglomerat aus industriell lärmendem Techno mit punkiger No-Future-Attitüde verbirgt sich noch mehr. Das Album gewährt einen Einblick in die Gefühlswelt einer Frau, die sich nicht mit dem momentanen Zustand der Welt zufrieden geben will.
KURZ ANGESPIELT 5/21: CONTROL ROOM, THE LIVELONG JUNE, STUMPFF, WINFRIED STRAUSS X METANIMOS, SYNNE SANDEN, JUNGSTÖTTER - FÜR EINE HANDVOLL HITS
Kurz kommt gut. Und so präsentieren Control Room, Livelong June, der legendäre Tommi Stumpff, Winfried Strauss, Synne Sanden und Jungstötter mit ihren jeweiligen Mini-Veröffentlichungen ein Konzentrat ihres Könnens. Wie es bei dieser Rubrik Usus ist, betreiben wir auch dieses Mal ein munteres, den geistigen Horizont erweiterndes Genrehopping.
LEDFOOT "BLACK VALLEY" VS. VOYNA "THE CINVAT BRIDGE": KLASSISCHE SCHWARZMALEREI
Back to the roots, baby! Ledfoot und Voyna nehmen auf ihren neuen Alben keine Gefangenen. Und sie scheren sich nicht einen müden Jota darum, das Rad neu zu erfinden. Stattdessen halten sie es mit tradiertem Goth-Rock munter am Laufen. Das liegt vor allem an der unglaublichen Coolness, die "Black Valley" und "The Cinvat Bridge" ausstrahlen.
DER ELEKTRISCHE MANN "MUSIK MUSIK MUSIK" VS. FORETASTE "HAPPY END!": NEUES AUS DER NACHBARSCHAFT
Schweiz und Frankreich können Synthesizer-Musik, das stellen sie bereits seit Dekaden unter Beweis. Aktuell führen Der Elektrische Mann und Foretaste diese Tradition mit frickeliger Elektronik weiter. Diese mutet dank ihrer auf Pop gebürsteten Kantigkeit wunderbar anachronistisch. Da fliegen die Löcher aus dem Käse direkt aufs Baguette.
IM GESPRÄCH - DANIEL GREEN: "DIESES BEWUSSTE RÜCKSICHT NEHMEN KÖNNTEN WIR UNS BEWAHREN"
Krisen machen erfinderisch. Das ist bei Corona nicht anders. Gerade in der Kunst- und Kulturbranche werden Wege und Lösungen gesucht, um den Beruf irgendwie ausüben zu können. Der Folk-Musiker Daniel Green, der 2019 das nachdenkliche
"Vanish Like A Cloud In Sunlight" veröffentlicht hat, machte sich während der Pandemie ans Schreiben neuer Songs, die er unter seinem Alias Hotel California zunächst einzeln digital veröffentlicht, ehe die 24 Nummern als haptisches Doppel-Album erscheinen. Im Gespräch mit UNTER.TON berichtet er unter anderem davon, wie er dieses Corona-Jahr wahrgenommen hat.
VISIONIST "A CALL TO ARMS": ROMANTIKER IM MASCHINENLÄRM
Wie sehr ist man dieser Tage geneigt, jedes veröffentlichte Kunstwerk im Kontext der immer noch grassierenden Pandemie zu interpretieren. Und wie sehr lädt uns der Visionist mit seinem Album "A Call To Arms" aber auch dazu ein. Denn die Dissonanz seiner Kompositionen stehen im krassen Gegensatz zum sanften Timbre seiner und der Gäste
Gesangseinlagen und zeigen die chaotische Außenwelt, von der sich das Individuum qua auferzwungener Isolation abtrennt und sich doch in ihr zurechtfinden muss.
STEINER & MADLAINA "WÜNSCH MIR GLÜCK": BITTERE PILLEN MIT WEISSWEINSCHORLE RUNTERGESPÜLT
Glück muss man ihnen nicht mehr wünschen, auch wenn Steiner & Madlaina aus der Schweiz dem Titel ihres Zweitlings nach darum bitten. Denn ihre deutschsprachige Stücke klingen nach Deutsch-Pop ohne hohle Phradendrescherei und nach muttersprachlichem Indie-Rock ohne verkopfte Diskurs-Texte zu offerieren. Für dieses erste musikalische Highlight in diesem Jahr benötigt es mehr als Glück. Da steckt ein Plan dahinter.
KURZ ANGESPIELT 4/21: TAMPLE, MASHA QRELLA, ART NOIR, NICK SCHOFIELD - DIALEKTIK DER DISKOTHEK
Die Frage darf gestellt werden: Können Tanznummern auch naspruchsvolle Inhalte vermitteln, oder stören diese nur beim zappeln? Tample und Masha Qrella suchen tatsächlich die Synthese der beiden Gegensätze Tanz und Nachdenklichkeit durch tiefergehende Texte mit Elektronikbeats, während Art Noir fast ausnahmslos instrumental die zerebralen Nervenenden angenehm kitzeln möchte. Am Ende gönnt uns Nick Schofield mit seinen wattigen Ambient-Miniaturen eine Pause von diesem Spannungsfeld.
FEEDING FINGERS "I WON'T EAT THE HORROR": ZURÜCK ZUM NORMALZUSTAND
Würde man Feeding Fingers als romantische Dark-Wave-Band betiteln, ist das nur die halbe Wahrheit. Denn Justin Curfman, Dreh- und Angelpunkt dieses Projekts, zeigte sich in der Vergangenheit sehr experimentierfreudig. Geradezu bodenständig mutet daher das neueste Werk "I Won't Eat The Horror" an, das sich in knappen Stücken stets auf den Kern der Songs konzentriert, ohne die bandtypische Surrealität zu vernachlässigen.
VIAGRA BOYS "WELFARE JAZZ": JAZZ IST ANDERS
Für den Bandnamen sollten sie noch mal gesondert einen Ehrenpreis, am besten von der Pharmaindustrie, erhalten. Dieser plakative Effekt ist aber nur ein Schmunzeln anregendes Beiwerk für ein absolut offengeistiges Album, bei dem so ziemlich alles, was die Subkultur zu bieten hat, kongenial verwurstet worden ist.Vom erwähnten "Welfare Jazz" sind die Jungs folgerichtig auch meilenweit entfernt, auch wenn hie und da ein Saxofon improvisatorisch vor sich hinquäkt.
NEØV "PICTURE OF A GOOD LIFE" VS. LAMBS & WOLVES "NOT A PARTY AT ALL": LEKTIONEN IN SCHWERMUT
Sie sind sicherlich nicht die Feiertiere, wenngleich NEØV aus Finnland und die süddeutsche Formation Lambs & Wolves sich bestimmt nach euphorischem Publikum und Konzerten sehnen. Letztgenannte Gruppe haben mit "Not A Party At All" sicherlich einen zeitgenössischeren Titel gefunden. In puncto verträumter Melancholie steht NEØVs "Picture Of A Good Life" aber in nichts nach.
KURZ ANGESPIELT 3/21: BILLY ZACH, TAUSEND AUGEN, DEAD ASTRONAUTS, DAGOBERT, SIVERT HØYEM - HART, ZART, SMART
Querfeldein geht unsere dritte Runde der Kurzbesprechungen: Depri-Punk von Billy Zach, krautrockiger Post-Punk von Tausend Augen, elektronischer anschmiegsamer Pop von Dead Astronauts
, elektronischer widerborstiger Pop von Dagobert und ein unachahmlicher Schmelz von Ex-Madrugada-Bariton Sivert Høyem. Ein wohlschmeckender Ohrenschmaus.
VARIOUS ARTISTS: "ZEITGEIST VOL. 14" & "ZEITGEIST VOL. 15" VS. "LA DANSE MACABRE 9" - OHREN VOLL FÜR PAAR MARK FUFFZICH
Der/Die eine oder andere muss durch Kurzarbeit sicherlich arg mit dem Geld haushalten. Sollten trotzdem noch irgendwie 13 Euro übrigbleiben, können diese in die 14. und 15. Ausgabe der "Zeitgeist"-, sowie der neunten Folge der "La Danse Macabre"-Reihe investiert werden. Als Gegenleistung gibt es exakt 83 aufregende Songs aus den tiefsten Tiefen der Schwarzen Szene rund um den Globus. Ein lohnendes Schnäpperchen!
KURZ ANGESPIELT 2/21: FRANA, MESSER BRÜDER, SIGUR RÓS, SEASURFER, DARK - NACHLESE TEIL II
Und noch einmal blicken wir auf jenes Jahr zurück, das uns allen sicherlich in heftigster Erinnerung bleiben wird. So überwältigend und auch unterschiedlich die Gefühle für dieses vermaledeite 2020 sind, so mannigfatig zeigen sich auch die Endjahresveröffentlichungen, die zwischen noisigem Post-Punk und verträumtem Shoegaze eine karthatische Emotionspalette auffährt, an der die geschundene Seele genesen soll.
CHRISTIAN FIESEL "STATE OF AN UNBORN UNION" VS. SIMONA ZAMBOLI "HYBER NATION": UNDURCHDRINGBARE KLANG(T)RÄUME
Abseits der harmonischen Bespaßung, zu der die elektronische Klangerzeugung natürlich in der Lage ist, suchen manche Musiker nach dem urwüchsigen Moment, den der Synthesizer mitsamt seiner stromaffinen Gefolgschaft liefern kann. So brechen die aktuellen Alben von Christian Fiesel und Simona Zamboli die vertrauten Liedstrukturen auf und kreieren surrealistische Soundlandschaften, deren Intensität einen an die Lautsprecher fesselt.
THE SEA AT MIDNIGHT "THE SEA AT MIDNIGHT" VS. THE WAKE "PERFUMES AND FRIPPERIES" VS. NERO KANE "TALES OF FAITH AND LUNACY": BITTE RECHT TRAURIG
Wer der Herbst-, respektive Winterdepression offenherzig gegenübersteht, braucht natürlich auch die entsprechenden Klänge. Die liefern uns The Sea At Midnight, The Wake und Nero Kane mit ihren aktuellen Langspielern, die sich gar nicht darum bemühen, waghalsig innovativ zu sein, sondern einfach nur versuchen, in klassischen Post-Punk-Songs der Melancholie genügend Spielraum zu geben. Soviel vorweg: Es ist ihnen gelungen.
KURZ ANGESPIELT 14/20: OXEN, WLADYSLAW TREJO, VOGON POETRY, SCENIUS, RETROJUNKIES - EINMAL MIT ALLES
Ein Jahr neigt sich dem Ende entgegen, das wohl niemand jemals in dieser Art vorausgeahnt hätte, und sei er noch so pessimistisch. Doch was nützt all das Jammern und Wehklagen? Nehmen wir die Situation so an wie sie ist, machen wir das Beste daraus und ziehen wir die richtigen Schlüsse für die Zukunft.Vor allem aber: Lasst uns gute Musik hören, egal aus welchem stilistischen Lager! Hier noch einmal fünf finale Empfehlungen für den Jahreswechsel.

KURZ ANGESPIELT 1/21: LEIZURE, SUNTRIGGER, WHISPERS IN THE SHADOW, VAINERZ, VLIMMER - NACHLESE TEIL I

2020 war in vielerlei Hinsicht zum Vergessen - jedoch nicht in musikalischer. Da gestalteten sich die letzten Dezemberwochen veröffentlichungstechnisch doch noch recht ereignisreich. Und zwar in solch einem Ausmaß, dass wir die ersten beiden Ausgaben von "Kurz angespielt" im neuen Jahr ausschließlich den vorweihnachtlichen Releases widmen.
KURZ ANGESPIELT 13/20: RENARD, DI-RECT, CABARET VOLTAIRE, LEDFOOT LE TEKRØ, WELLE ERDBALL - VON DEN ALTEN LERNEN
Sagen wir einfach, wie es ist: Diese fünf Alben hauen gehörig auf die Kacke - und zwar jeder auf seine Art und Weise. Synthie- und Stadion-Pop, experimentelle Techno-Elektronik, Schummer-Blues und Orchester-Pomp: Alle diese Strömungen sind in der 13. Kurz-Angespielt-Ausgabe vertreten - und zwar mit einem Selbstverständnis, das einem schon mächtig imponieren kann. Was vor allem daran liegt, dass die Beteiligten
alle schon Jahrzehnte Musik machen.
ALARMBABY "KILLAMÄDCHEN": WECKRUF ZUR RECHTEN ZEIT
"Tanzt unsere Welt mit sich selbst schon im Fieber", fragten einst die Ost-Rocker Karat anno 1982 in ihrem Song "Der Blaue Planet". Die Antwort darauf heutzutage liefert Alarmbaby mit ihrem explosiven Debüt "Killamädchen", das so ziemlich alle heißen Eisen unser heutigen Zeit anpackt und in krachenden (Electro)-Punk-Songs verarbeitet. Unsere Welt tanzt schon nicht mehr im Fieber, sie ist längst heißgelaufen.
B. ASHRA "THE SOUND OF DMT": BERAUSCHENDES KLANGRITUAL
Bei B.Ashra ist man nicht zimperlich, was bewusstseinserweiternde Drogen anbelangt - zumindest auf musikalischer Ebene. Nach den halluzinogenen Wirkstoffen des Cannabis und LSD macht sich das Projekt nun daran, mittels kosmischer Oktavierung das Molekül Dimethytryptamin, kurz DMT, welches Bestandteil des mystischen Ayahuasca-Trunks der indigenen Völker des Amazonas ist, klanglich darzustellen. Na dann: Hoch die Tassen und die Ohren gespitzt.
ROSI "SAD DANCE SONGS" - TRÄNE IM KNOPFLOCH
Die ersten beiden Alben "Grey City Life" und "Hope" muten wie ein entspanntes Aufwärmen an. ROSI scheinen mit ihrem Drittling "Sad Dance Songs"
nicht nur ihren eigenen Stil als Albumtitel plakativ vor sich her zu tragen, sondern sich auch von festgelegte Schemata zu lösen. Was ihre Songs nur andeuten, zeigen die beiden Mitglieder Mirco Rappsilber und Sven Rosenkötter im Interview ganz deutlich: Sie sind eine Band mit musikalischen Visionen und vor allem einer klaren, unmissverständlichen Haltung - in allen Lebensbereichen.
KURZ ANGESPIELT 12/10: LUCIA LIP, LINAIRE, CULK, YUKNO, LEOPARD - NEUE BLICKWINKEL
Wir brauchen nicht drum herum reden: 2020 war für den Eimer! Doch auf eines kann man sich verlassen: Am Jahresende gibt die Musikbranche noch einmal richtig Gas - trotz oder vielleicht wegen Corona sogar noch ein bisschen mehr als sonst. Zumindest sind in der zwölften Ausgabe von "Kurz angespielt" viele spannende (und erfreulicherweise überwiegend weibliche) Acts, die in ihrer radikalen Ästhetik in Wort und Klang für Spannung sorgen und uns wenigstens in puncto substanzieller Musik milde stimmen.
TOBIAS KUHN: MILES AND MORE
Tobias Kuhn ist der Mann im Hintergrund. Er
ist als Musikproduzent und Songschreiber mittlerweile ziemlich dicke im Geschäft, produziert und schreibt für Mark Forster, Die Toten Hosen, Adel Tawil, Milky Chance, Feine Sahne Fischfilet, Clueso und Tomte. Selber hat er mit den Bands Miles und Monta jedoch eher bescheidenen komerziellen Erfolg gehabt. Die digitale Wiederauflage des gesamten Backkatalogs der beiden Gruppen via Rewika geht mit der Veröffentlichung eines neuen Monta-Songs einher und bietet die Möglichkeit, die Anfänge eines Musikers, der zweifelsohne zu den besten Deutschlands gehört, neu zu entdecken.
TOP 10: ALBEN 1980 - ENDE NEU
Jedes neue Jahrzehnt bedeutet oftmals eine Zäsur von Althergebrachtem. Das trifft - popmusikalisch gesehen - besonders auf das Jahr 1980 zu, in der viele neue spannende Konstellationen entstehen. Sie belegen, dass nach der Detonation des Punk ein fruchtbarer Boden entstanden ist, auf dem viele Bands ihren Grundstein für eine große Karriere legen konnten, während andernorts die Kapitel zu Ende erzählt worden sind. Diese zehn Meilensteine von Alben feiern alle ihren 40. Geburtstag.
REAL "AVALON" VS. CREATING.PARADISE "GRAND DAY OUT": 1995 IST JETZT!
Zwar befinden sich die meisten Bands, sowohl in den Charts als auch unter der wohlfeilen Oberfläche, im steten 80er-Jahre-Modus, doch sollte man dabei nicht vergessen, dass auch eine Dekade später durchaus gute Musik entstanden ist. Real und creating.paradise erinnern daran, indem sie ihre Alben mit einer gehörigen Portion Dunkelelectro im 90er-Jahre-Gewand ausstatten. Zwei feine Eigenprdouktionen, die es näher zu betrachten gilt.
WOODKID "S16" VS. DIORAMA "TINY MISSING FRAGMENTS": AUF ZU NEUEN KLANGUFERN
Der Moment, in dem ein gutes Album zu einem außergewöhnlichen wird, entscheidet sich nicht zuletzt im Arrangement der Stücke
. In dieser Beziehung haben der Franzose Woodkid und die Reutlinger Dark-Wave-Formation Diorama seit jeher keine Kompromisse gemacht. Auch ihre neuen Werke "S16" und "Tiny Missing Fragments" widerstehen einer glatt polierten Oberfläche, zeigen aber gleichzeitig ein hohes Maß an Eingängigkeit - eine große Kunst.
VARIOUS ARTISTS "THE LEGEND OF THE STARDUST BROTHERS": HERRLICH DRÜBER
Selbstverständlich ist Popmusik aus den 1980ern ein weltweites Phänomen. Ihre neuralgischen Punkte sind dennoch ziemlich eindeu
tig in Europa zu verorten. Mit der Wiederveröffentlichung des obskuren japanischen Musik-Streifens "The Legend Of The Stardust Brothers" von 1985 wird auch der Soundtrack neu aufgelegt, der ein surreales Panoptikum fernöstlichen Popverständnisses offenbart.
DIE KUNST IN DER CORONA-KRISE: BLICK NACH VORN
Die Pandemie trifft die Kulturbranche besonders hart. Sie muss unter erschwerten Bedingungen ihren Betrieb am Laufen halten. In den kurzen Statements, die UNTER.TON von den Betroffenen erbeten hat, fällt allerdings auf, dass sie nicht, wie in anderen Berufszweigen fast schon seit Beginn der Corona-Krise, ein redundantes Lamento von sich geben. Vielmehr wird versucht, das Beste aus der Situation zu machen und den
Blick gen Zukunft zu richten.
KURZ ANGESPIELT 11/20: THE BLUEBEARD'S CASTLE, MARY, CARLO ONDA, DILK, CONTROL ROOM: KALTE LEIDENSCHAFT
Vor kurzem haben wir mit "Spotlight" und "Zeitgeist" zwei Sampler aus dem Hause Cold Transmission besprochen. Nun richten wir den Blick auf einzelne Akteure dieses Labels, die stellvertretend für seine musikalische Bandbreite ist. Klassischen Postpunk und Coldwave findet der geneigte Hörer ebenso wie markigen EBM und eingängigen Synthie-Pop. Schwarzes Herz, was willst du mehr?
KURZ ANGESPIELT 10/20: I AM THE FLY, PROFIT PRISON, X MARKS THE PEDWALK, ANDREAS DAVIDS & SVEN PHALANX, JOHANNES SCHMOELLING, JOSHUA VAN TASSEL: TANZEN UND TRÄUMEN
Die zehnte "Kurz angespielt"-Ausgabe beginnt mit rotzig-schäbigen Synth-Punk von I Am The Fly und endet in einer schwelgerischen Neo-Klassik-Downbeat-Supernova eines gewissen Joshua Van Tassel. Dazwischen zeigen unter anderem die legendären X Marks The Pedwalk und Johannes Schmoelling, zu was elektronische Klangerzeugung im Stande ist, wenn sie von den entsprechenden talentierten Köpfen ersonnen wird.
VARIOUS ARTISTS: "ZEITGEIST VOL. 13" VS. VARIOUS ARTISTS "SPOTLIGHT": HIER IST WAS LOS!
Da sag' noch einer, die Schwarze Szene habe sich überlebt! Die Menge interessanter Bands, die das Post-Punk-Erbe weitertragen, aber durchaus ihre eigene Interpretation davon anfertigen, scheint mit jedem Jahr größer zu werden. Die Digital-Veröffentlichung
"Zeitgeist Vol. 13" und die Doppel-CD "Spotlight" geben einen sehr guten Überblick über das, was wirklich im Untergrund vor sich hinbrodelt.
HOUSE OF HARM "VICIOUS PASTIMES" VS. KORINE "THE NIGHT WE RAISE" VS. THE SEARCH "HEART'S RACING": FLY ON THE WINGS OF WELTSCHMERZ
Die seelische Tristesse schillert mehr, als manch einer denkt. Und sie ist ein Meister der Tarnung. So blitzt sie auf den neuen Alben von House Of Harm, Korine und The Search immer nur kurz auf, während die fluffigen Indie-Pop-Nummern den Hörer in eine trügerische Sicherheit von unberschwerter Leichtigekeit des Seins wiegen.
MICHAEL ROTHER "SOLO 2" UND "DREAMING": MEISTER DER POSTKARTEN-ELEKTRONIK
Es liegt vielleicht an seinem Understatement: Michael Rother hat zwar einen festen Platz in den Geschichtsbüchern zur deutschen Populärmusik, zählt er doch als einer der Mitbegründer des so genannten Kraut-Rocks, seine eigenen Werke blieben aber nur Connaissueren vorbehalten. Nach der ersten Zusammenfassung via Grönland Records blickt "Solo 2" nun auf die späteren Werke des Mannes. Und mit seinem aktuellen Album "Dreaming", das der Box beiliegt, beweist der 70-jährige, dass frische Musik keine Frage des Alters ist.
MINES FALLS "MINES FALLS": FLUCHT UND GEBORGENHEIT
Welch
kostbares Glück, wenn Geschwister ihre Gemeinsamkeiten über das Privatleben hinaus nutzen können. Bei Carson und Erik Lund hat die gleiche künstlerische Ausrichtung nun zu einem der filigransten Alben dieses Jahres geführt. Als Mines Falls zelebrieren sie auf ihrem selbstbetitelten Debüt einen Glacial Pop, der zwischen Zerbrechlichkeit und Grandezza pendelt und den passenden Soundtrack für die kommenden Herbsttage bereithält.
ELSA "ELSA" VS. SOECKERS "KOPFKARUSSELL": VERSCHWENDE DEINE JUGEND
Wäre nicht Corona, hätten ELSA und Soeckers die alternativen Sommer-Festivals sicherlich gerockt. Schließlich repräsentieren die beiden Gruppen einen neuen Schlag junger deutschsprachiger Indie-Rocker, die über das mächtigste Gefühl der Erde ohne jeglichen Pathos, dafür aber mit - teilweise beißendem - Witz singen. Vor allem aber zelebrieren sie ihr Jungsein.
KURZ ANGESPIELT 9/20: IMMATERIAL POSESSION, MÅRTEN LÄRKA, PURWIEN UND KOWA, A TRANSITION - KEINE ATEMPAUSE
Von wegen Sommerloch: Auch in den vermeintlich veröffentlichungsschwächeren Monaten gibt es genügend spannendes Material, dessen Besprechung unabdingbar ist
. Unsere Querfeldeinempfehlungen reichen dieses Mal von psychedelischem Art-Pop von Immaterial Posession bis hin zu schnörkellosem Auf-die-zwölf-Cold-Wave des deutschstämmigen Projekts A Transition. So klingt der Sommer 2020.
IM PROFIL: DIAF - HINTERM ALPENGLÜH'N LAUERT DER ABGRUND
So einfach wie wirkungsvoll: Bayerische Mundart kombiniert mit einem synthetisch aufgepeppten Post-Punk. Damit sorgt DIAF, das Projekt des Musikers Niko Biberger, derzeit für frischen Wind in der Szene, die ihn bereits als die weiß-blaue
Variante von She Past Away handeln. Sein Debüt "Weida" eröffnet eine weitere Facette der fruchtbaren Beziehung zwischen alpenländischem Dialekt und europäischer Popkultur.
THE BEAUTY OF GEMINA "SKELETON DREAMS": NACH DER APOKALYPSE
Dass "Skeleton Dreams" zum bislang besten Album von The Beauty Of Gemina geworden ist, liegt vor allem an Michael Sele: Der Sänger hatte sich im vergangenen Jahr einer komplizierten Herzoperation unterziehen müssen. Unter dem schockierenden Eindruck dieses Ereignis, was auch die Frage nach der Endlichkeit des Seins einschließt, klingt das neue Werk noch intensiver, noch konzentrierter.
RUFUS WAINWRIGHT "UNFOLLOW THE RULES": RÜCKKEHR DER LEICHTIGKEIT
Sein letztes Pop-Album war geradezu prophetisch: "Out Of The Game". Rufus Wainwright, einer der begnadetsten Songschreiber unserer Zeit, war raus und widmete sich nach diesem Werk der klassischen Musik, verfasste
eine Oper und vertonte neun Shakespeare-Sonette. Aber auch sein neues Album trägt die Prophezeiung im Titel: "Unfollow The Rules" - er bricht mit seinen eigenen Regeln und findet zur dekorativen Popera zurück.
SIGNAL BRUIT "HYPERBORÉE": HISST DIE SEQUENZER!
Erneut zieht es den Celluloide-Musiker Member U-0176 in die expressionistische Klangwelt seines Seiten-Projektes Signal Bruit. Dieses Mal dienen die Expeditionen eines antiken Seefahrers als Basis für seine erneut magischen Synthieklänge, die deutlich von Tangerine Dream und der Berliner Schule inspiriert sind. Das macht "Hyperborée" zu einem fesselnden Zweitling, der dem fulminanten Debüt "Planisphère(s)" in nichts nachsteht.
VARIOUS ARTISTS "MUSIK, MUSIC, MUSIQUE" VS. "ANOTHER COLD WORLD 3": 40 JAHRE SIND EIN TAG
Tatsächlich umspannt der zetliche Abstand der Songs der beiden Sampler "Musik, Music, Musique" und "Another Cold Word 3" sensationelle vier Dekaden - was auf den ersten Lausch aber gar nicht so leicht erkennbar. Was wiederum zwei Sachen beweist: Bereits 1980 wurden die Weichen für popaffine Synthiesounds gestellt. Und auch die aktuellen Produktionen büßen nichts an Spannung vergangener Werke ein.
IM PROFIL - LAUT FRAGEN: "AUFSTEHEN! AUF DIE STRASSE!"
Scherzhaft bezeichnen Laut Fragen ihr neues Album "Facetten des Widerstands" nicht gerade als eines für die Charts. Ihre Vertonung österreichischer Widerstandslyrik während des Nationalsozialismus von (fast) vergessenen Schriftstellern zählt aber zweifelsfrei zu den wichtigsten Alben dieses Jahres. Denn ihr auf Electropunk, Spoken-Word-Gothic und Mörderballaden basierendes Werk zeigt auf erschreckende Weise die Aktualität dieser Poeme.
DANIEL HADROVIC "TÖTE MICH NOCH EINMAL": DER SCHOCK DER KAPUTTEN BILDER
Filme gaukeln uns Realitäten vor. Diese werden dann jäh gestört, wenn die Technik nicht mehr reibungslos funktioniert und das Bild stockt, stottert oder komplett ausfällt. Genau dieses Manko wird beim Kurzfilm "Töte mich noch einmal" von Underground-Filmer Daniel Hadrovic zum wesentlichen Bestandteil seiner Erzählung, die sich mit jeder Minute in eine immer unheilvollere Surrealität begibt.
ART OF EMPATHY "END OF I" VS. A.A. WILLIAMS "FOREVER BLUE": GLÜCKSELIGE EINSAMKEIT
Nicht immer bedeutet Weltschmerz, rituell kotemplativen Trübsinn im stillen Kämmerlein zu blasen. In den Alben "End Of I" von Art Of
Empathy und "Forever Blue" der Sängerin A.A. Williams wird die seelische Pein geradezu weihevoll auf eine höhere Ebene getragen. Aus der Niedergeschlagenheit erwächst so etwas wie der tiefere Sinn des Lebens - was wiederum ein tröstlicher Gedanke ist.
IM GESPRÄCH - ALTAR OF ERIS: "MICH INTERESSIERT ES NICHT, TEIL EINER LEMMING-GESELLSCHAFT ZU SEIN"
Natürlich passt die EP "Isolation" der amerikanischen Post-Punk-Truppe Altar of Eris gerade in unsere Zeit. Deswegen bewegte das Interview, das UNTER.TON mit zwei der drei Bandmitglieder, namentlich Brandon Bannister und Travis Stanley, geführt hat, unweigerlich zur insgesamt schwierigen Situation in den Vereinigten Staaten. Außerdem geht es um Grunge-Klischees, verhasster Fabrik-Musik, Iggy Pop und Albert Camus.
VARIOUS ARTISTS "GRENZWELLEN SIEBEN": PROGRESSION DER REDUKTION
Erneut surft Kultmoderator und Musikjournalist Ecki Stieg auf seinen Grenzwellen umher und entdeckt in der siebten Folge seiner digital veröffentlichten Samplerreihe elektronische Musikhappen erster Güte. Einmal mehr stellt die strikte Abhörfolge der Nummern ein absolutes Muss dar, weil sie auch den Weg in ein fokussierteres Hören weist.
KURZ ANGESPIELT 8/20: RAIN TO RUST, TRISTÁN B, ZEN, JULES IN TROUBLE, LOUISE LEMÓN, MAPLE & RYE - WAS DIE WELT BEWEGT
Die Inventur nach einem halben Jahr 2020 ließt sich nicht besonders erfreulich: Unser ganzes Leben wurde auf links gekrempelt, Feste feiert man nur noch in gedämpfter Stimmung, große Menschenaufläufe und ausgelassene Festival-Atmosphäre gehören wohl erst einmal der Vergangenheit an. Es ist daher kein Zufall, dass in den folgenden zu besprechenden Veröffentlichung aus allen Ecken und Enden der Welt sowohl die Tristesse der Gegenwart mit nostalgischen Leichtigkeit paart.
GRGR "QUARANTÄNE" VS. ALTAR OF ERIS "ISOLATION": LIEDER IN ZEITEN DER CORONA
Immer mehr Lockerungen treten in Kraft, die ein Stück "alte Normalität" versprechen. Doch die Eindrücke des gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Lockdowns haben tiefe  Spuren hinterlassen. GrGr aus München hat sogar seine EP "Quarantäne" in selbiger erdacht, die aber gleichwohl lebensbejahender als "Isolation" von Altar of Eris aus Seattle klingt. Beiden ist große Kunst im Kleinen am Puls der Zeit geglückt.
KURZ ANGESPIELT 7/20: ATTRITON+ALU, LES ANGES DE LA NUIT, HANSAN, MARE BERGER, STRIDULUM, BEAUTY IN CHAOS - VON OBSKUR BIS OPULENT
Wieder einmal stapeln sich in unserer Redaktion die silbrigen Scheiben, Zip-Dateien und Stream-links, begierig darauf wartend, endlich gehört zu werden. Schließlich gibt es für den nahenden Sommer wieder viel Musik mit außerordentlichem Charakter zu entdecken. In der siebten Ausgabe von "Kurz angespielt" beginnen wir mit wunderlichem DIY-NDW und enden mit einer Gothic-Supergroup. Dazwsichen wird es synthiepoppig, coldwavig und auch ein bisschen folkig.
FINN RONSDORF "ODES" VS. ORLANDO WEEKS "A QUICKENING": LIEBE UND ANDERE UNWÄGBARKEITEN
Finn Ronsdorf ist ein queerer Singer/Songwriter aus Berlin, der über zerbrochene Beziehungen unter dem Aspekt gleichgeschlechtlicher Liebe sinniert. Orlando Weeks zeichnet in seinen Liedern das emotionale Chaos eines werdenden Vaters. Beide graben sich mit ihren Werken ganz tief in die eigenen Gefühle, bringen sie nach oben und lassen sie wunderschön scheinen - jeder auf seine Art und Weise.
SIEBEN "2020 VISION" VS. ROBERT SCHROEDER "C'EST MAGIQUE": DER SOUND DER ZWEITEN LEBENSHÄLFTE
Musikalische Grüße aus der Risikogruppe: Violin-Punker Matt Howden alias Sieben, 53 Jahre, und Relax-Elektroniker Robert Schroeder, 64 Jahre, haben neues Material auf den Markt gebracht. Während Howden mit "2020 Vision" eher ungewollt einen maßgeschneiderten Corona-Soundtrack auf seiner neuen Fidel erdacht hat, schenkt
uns Schroeder mit seinem buchstäblich magischen Sound die Hoffnung auf ein besseres Post-Covid-Leben.
KURZ ANGEPSIELT 6/20: IT'S FOR US, WINFRIED STRAUSS, KONTRAST, GLORIA DE OLIVEIRA, 6TH CROWD - SCHNELLE NUMMERN
Der Definitionsbegriff der EP ist ja so eine Sache: It's For Us, Winfried Strauss und 6th Crowd halten ihre Veröffentlichungen in überschaubarer Länge, Kontrast hingegen füllen ihre limitierte EP bis zur letzten Rille. Und Gloria De Oliveira führt gleich zwei EPs auf eine Scheibe zusammen. Jeder eben, wie er lustig ist. Wichtig ist nur, das am Ende ein stimmiges Produkt herauskommt. In dieser Frage herrscht bei allen Einigkeit: Für die Gäste nur das Beste.
IM GESPRÄCH - DAVID BOLDT UND MAREKE MÜLLER (AGENTUR OBEN): "EIN STREAM WIRD NIEMALS EIN KONZERT ERSETZEN"
Die Berliner Agentur Oben möchte Neoklassik in die Haushalte bringen und startet im Juni eine Streamreihe mit interessanten Musikern, darunter bekannte Namen wie Niklas Paschburg. Als direkt Betroffene erzählen uns die beiden Geschäftsführer David Boldt und Mareke Müller von ihren Eindrücken, die sie während des Lockdowns bekommen haben und wagen einen Blick in die Zukunft des kulturellen Lebens nach der Corona-Pandemie.
KURZ ANGESPIELT 5/20: DUKE DUMONT, I BREAK HORSES, FAUST PROJECT, THE ROOM IN THE WOOD: TANZ IN DEN MAI
Dass der Lenz da ist, das weiß nicht nur die Veronika, sondern so ziemlich jeder, der sehenden Auges durchs Land
schreitet. Zwar macht uns COVID-19 einen Strich durch die Rechnung wenn es um beschwingte Frühjahrsfeste geht, aber schnieke 90s Euro-Beats von Duke Dumont, sophistischer Synthie-Pop von I Break Horses, getriebener Cold Wave von Faust Project und butterweicher Psycho-Rock von The Room In The Wood lassen auch die eigenen vier Wände ordentlich vibrieren.
QUO VADIS WAVE-GOTIK-TREFFEN 2020: SCHWARZ VOR AUGEN
Schmerzliche Einschnitte müssen derzeit die Menschen in allen Bereichen des Lebens aufgrund der Corona-Pandemie erleiden. Gerade kulturelle Großveranstaltungen fallen nach und nach dem Rotstift zum Opfer. Doch die Veranstalter des Leipziger Wave-Gotik-Treffens, des notabene weltweit größten Gothic-Festivals, halten weiter an seiner Ausführung fest - was ein zweifelhaftes Licht auf die Professionalität der Organisatoren wirft und heftige Kritik im Internet zur Folge hat. Ein Kommentar.
IM GESPRÄCH - THOMAS THYSSEN UND ERIC BURTON: "FREAKWAVE SOLL SICH ALS KLEINES, ABER FEINES LABEL ETABLIEREN"
Seit mehreren Jahrzehnten sind Eric Burton und Thomas Thyssen für die Schwarze Szene aktiv. Sei es nun jeder für sich als Musiker, DJ und Musikjournalist oder auch gemeinsam als Teil des Hardbeat-Promotion-Teams. Nun haben sie sich dazu entschlossen, das Label Freakwave ins Leben zu rufen, das den Fokus auf Post-Punk- und Cold-Wave-Gruppen richtet. UNTER.TON hat die beiden Männer zu ihrem gemeinsamen Projekt, das ebenfalls von der Corona-Krise beschattet wird, gründlich ausgefragt.
RASKOLNIKOV "LAZY PEOPLE WILL DESTROY YOU" VS. VIAGRA BOYS "COMMON SENSE": VORARBEITER AUS DER ABTEILUNG ATTACKE
Die derzeitige Krise fest im Blick, hilft uns momentan nur ein starker Wille und Durchhaltevermögen, sie zu meistern. Wen aber der Lagerkoller ereilen sollte, kann sich mit diesen beiden Veröffentlichungen den Frust von der Seele und den Staub aus den Klamotten tanzen. Raskolnikovs Album "Lazy People Will Destroy You" und die EP "Common Sense" der schwedischen Viagra-Boys sind musikalische Energieriegel.
KURZ ANGESPIELT 4/20: ELVIS DE SADE, HØRD, DANIEL AVERY & ALESSANDRO CORTINI, FROM APES TO ANGELS, KARLUV TYN, A CHOIR OF GHOSTS - ZUHAUSE BLEIBEN, MUSIK ENTDECKEN!
Noch immer stehen wir unter Schock ob der grausamen Eindrücke, die das Corona-Virus weltweit hervorruft. Die UNTER.TON-Redaktion ist ja klassisches Homeoffice, von daher ändert sich für uns nicht viel - außer der Tatsache, dass durch die Zwangspause beim "daily job"
dem Durchstöbern interessanter neuer Musik mehr Zeit eingeräumt werden darf, was die Trefferzahl deutlich erhöht. Zwar sind die sechs kurz vorgestellten Alben nicht gerade auditive Spaßkanonen, wohl aber spannendes Klangmaterial, dessen Konsum ein Stück weit die Krise vergessen macht.
CELEIGH CARDINAL "STORIES FROM A DOWNTOWN APARTMENT" VS. LUKE ELLIOT "THE BIG WIND": VOM LEBEN GEZEICHNET
Liegt es an der derzeitigen Situation, dass wir empfänglich sind für den bluesigen Folk von Celeigh Cardinal und Luke Elliot? Jedenfalls besitzen ihre beiden Alben "Stories From A Downtown Apartment" und "The Big Wind" trotz ihrer ganzen dunklen und traurigen Stimmungen auch eine spürbar hoffnungsvolle und Kraft gebende Note. Und schließlich handeln die Songs vor allem von (Zwischen)menschlichkeit - ein Wesenszug, der in Krisenzeiten noch mehr Gewicht als sonst erhält.
HARRY STAFFORD "GOTHIC URBAN BLUES": SHOW US THE WAY TO THE NEXT WHISKY BAR
Über mehr als drei Dekaden stand Harry Stafford den Inca Babies vor. Die sind in etwa das britische Pendant von The Birthday Party. Das schreit geradezu nach einem Vergleich zwischen ihm und Nick Cave. Dazwischen hat er aber einige Songs im Stile eines frühen Tom Waits geschrieben - Lieder, die wie geschaffen sind für die Sperrstunde in den Eckkneipen. Dem leider viel zu wenig beachteten Debüt "Guitar Shaped Hammers" folgt nun "Gothic Urban Blues", auf dem Stafford seinen rostig-runtergekommenen Sound weiter verfeinert.
GABI DELGADO LÓPEZ - ER TAT WAS ER WOLLTE
Am Montag, dem
23.März 2020, verkündete Robert Görl in einem Facebook-Post, das sein langjähriger "partner in crime" Gabi Delgado López überraschend verstorben ist. Zusammen haben sie als Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF) oberflächlich auf der Neuen Deutschen Welle gesurft, in Wirklichkeit aber die elektronische Musik ein ganzes Stück vorangetrieben. Der Autor erinnert sich an sein "erstes Mal" mit dieser Band.
THE BIRTHDAY MASSACRE "DIAMONDS" VS. BLACKIEBLUEBIRD "GOODBYE IN JULY": LAUT, LEISE, LIEBENSWERT
Kaum Gemeinsamkeiten mag man auf den ersten Blick bei diesen beiden Alben erkennen: Auf der eine Seite der fett produzierte Electro-Gothic-Rock von The Birthday Massacres "Diamonds"
, auf der anderen ein dezenter Dream-Pop auf "Goodbye In July" von BlackieBlueBird. Und doch gibt es eine Überschneidung. Die beiden Sängerinnen Chibi und Heidi Lindahl setzen ihre ähnlich gelagerten stimmlichen Talente bestens in Szene und beweisen, wieviele Facetten lieblicher Frauengesang besitzen kann.
VARIOUS ARTISTS "LA DANSE MACABRE 7": SUBKULTUR, DIE SIE MEINEN
Das ist eine Hausnummer: "La Danse Macabre 7" ist die bereits 30. Zusammenstellung aus der At-Sea-Compilations-Reihe, in der der passionierte Musiknerd Axel Meßinger als universaler Gatekeeper auf der Suche nach dem Besonderen und Aussagekräftigen in der Musik aus verschiedensten Richtungen fungiert. Mit über vier Stunden Unterhaltung von mehr als 50 Interpreten und Gruppen spürt er erneut sehr erfolgreich das wahre Wesen des Begriffs "Gothic" auf, welches mehr ist als Kunstblut, schlechter Dorfdisko-Techno oder tumbes Fantasy-Gebaren.
CHANDEEN "MERCURY RETROGRADE" VS. THE SEARCH "SOME PLACE FAR AWAY" VS. GOOD WILSON "GOOD WILSON": VÖLLIG LOSGELÖST
In den tiefen 1980ern wurde Indie-Rock weich und anschmiegsam: Er wurde zu Dream-Pop. Ein wunderbares Konstrukt, das einerseits leicht verdaulich, andererseits aber immer noch zu sophistisch und melancholisch für den erfolgreichen Charteintritt war - einige wenige Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regel. In den aktuellen Werken von Chandeen, The Search und Good Wilson lebt dieser Sound wieder auf, der einen Tag so leicht macht wie eine laue Frühlingsbrise unter strahlend blauem Himmel.
KURZ ANGESPIELT 3/20: LAURA SCHEN, 580 MILES, IAMX, NINE SECONDS, CRUSH - ZEIT FÜR WESENTLICHES
Dank der Corona-Pandemie müssen wir für eine ungewisse Zeit die Füße still halten und unser Leben in allen Bereichen einschränken. Wer das Wochenende also für gewöhnlich in seiner Lieblingsdiskothek verbringt, kann zur Abwechslung einfach mal diese Zeit dafür nutzen, um neue Musik zu entdecken. Wir haben da fünf interessante Tonträger ausmachen können, denen man auf jeden Fall ein Ohr leihen sollte.
RINGFINGER "PRESSURE" VS. SDH "AGAINST STRONG THINKING": NIEMALS (K)LANGWEILIG
Dem Volksmund nach liegt ja die Würze in der Kürze. Bei den EPs von Ringfinger aus Vancouver und Semiotic Departments of Heteronyms, kurz SDH, aus Barcelona wünscht man sich aber dann doch mehr als nur eine Handvoll Songs, weil ihre Idee von Coldwave - mystisch-okkult auf der einen, schummrig-lasziv auf der anderen Seite - so perfekt umgesetzt worden ist
, dass eine üppigere Veröffentlichung ihnen sicherlich auch gut zu Gesicht stünde. So bleibt es aber erst einmal bei einem kurzen, jedoch intensiven Freudentaumel ob der tollen Leistung der beiden Projekte.
KASIMIR EFFEKT "KFX": FUTURISMUS 2.0
In der Physik besagt
der Casimir Effekt, dass auf zwei parallele, leitfähige Platten im Vakuum eine Kraft wirkt, die beide zusammendrückt. Ein treffliches Sinnbild für das ähnlich geschriebene, Hannoveraner Trio Kasimir Effekt: Hier laufen vom Jazz beeinflusster Sound aus Kontrabass, Schlagzeug und Fender Rhodes auf technoide Improvisationskunst mit Trance- und Electroclash-Einschlag nebeneinander und ziehen sich dabei wie magisch an - fast so als ob die beiden Antipoden seit jeher zusammengehört haben, was ihr Debüt "KFX" zum orbitalen Träumchen macht.
KJELLVANDERTONBRUKET "DOOM COUNTRY" VS. SHADOWORLD "DESERTLAND" VS. JONATHAN WILSON "DIXIE BLUR": KEIN SCHÖNER LAND
Unterschiedlicher könnten Sie in ihrem Stil nicht sein, aber Kjellvandertonbruket aus Schweden, Shadoworld aus Italien und der amerikanische Multiinstrumentalist Jonathan Wilson verbindet
auf der Metaebene dann doch wieder einiges. Allen voran ist es eine Vermengung aus weltschmerzlicher Erfahrung und geografischer Versinnbildlichung. Bereits die Titel ihrer Alben deuten es an: "Doom Country", "Desertland", "Dixie Blur". Hier klingt die scheinbar unendliche Weite eines unbewohnten Landstriches an, die das Individuum auf sich selbst zurückwirft und die schweren Gedanken der Melancholie denken lässt.
TOP 10 - FAREWELL ENGLAND: ABGANG MIT AUSKLANG
Frei nach Rio Reiser: "Es ist vorbei, bye bye Union Jack". England ist nicht mehr Teil der Europäischen Union. Über Sinn oder Unsinn dieser Aktion zu streiten, ist mühselig. Und wer weiß: Vielleicht kehrt die Insel eines schönen Tages wieder in den Schoß des Staatenbundes zurück. Für den Moment aber gedenken wir dem Abtrünningen mit zehn Songs, die so hoffnungsvoll, patriotisch, ironisch und sarkastisch sind wie die Inselbewohner
selbst.
KURZ ANGESPIELT 2/20: DANGER IN DREAM, CELLULOIDE, MEI JUN BING, Ô PARADIS, RAIN TO RUST - AUS ALLEN ECKEN UND ENDEN
Lust auf eine kleine Weltreise? Wir starten in Wien, besuchen danach Marseille, machen einen weiten Sprung nach Wuhan, kehren nach Barcelona zurück und landen schlussendlich in Istanbul. Denn aus diesen Städten stammen die fünf musikalischen Projekte, deren neueste Veröffentlichungen die Redaktion vom Fleck weg begeisterten.
DIRK MAASEN "OCEAN" VS. NIKLAS PASCHBURG "SVALBARD" VS. ROOSMARIJN "INSIDE OUT": METAMORPHOSEN
Längst nicht mehr fristet die klassische Musik ein hochkulturelles Eremitenleben in jenem Elfenbeinturm, in den manch alter Wertewahrer sie immer noch verzweifelt festzuhalten versucht. Die Unterscheidung zwischen ernster und Unterhaltungsmusik ist längst passé, was folglich zu wunderbaren Überkreuzungen führt. Je nach Mischverhältnis ändert sich die Stimmung: träumerisch-romantisch bei Dirk Maassen, chillig-cool bei Niklas Paschburg und zärtlich
-entrückt bei Roosmarijn.
ALICE BOMAN "DREAM ON" - FÜR UNS GANZ BEI SICH
Der gegenwärtige Lärm unserer Zeit lässt keinen Stillstand zu. Umso wundervoller also, dass die Schwedin Alice Boman uns diese Momente der Kontemplation in Form ihres ersten, unvergleichlich zerbrechlichen und doch so einnehmenden Albums mit dem beredten Titel "Dream On" liefert. Es ist ein Geschenk von einem Album, das den Zeitgeist punktgenau trifft und uns Hilfe zur Selbstbetrachtung sein sollte.
KIM WILDE "KIM WILDE", "SELECT", "CATCH AS CATCH CAN" - ES BLEIBT IN DER FAMILIE
Auf der schmalen Schnittstelle zwischen Punk und Pop tanzten Amerika und Europa einige Sommer lang zu etwas, das sich New Wave nannte - und beide Kontinente hatten schnell ihre Sex-Symbole ausgemacht. In den USA verschmolz Debbie Harry mit ihrer Band Blondie Ende der 1970er den
"No Future"-Pessimismus mit Studio-54-Disco-Glam, in England schaffte es etwas später eine andere Goldgelockte zu höheren Pop-Weihen: Kimberly Smith alias Kim Wilde. Ihre ersten drei Alben, zweifelsfrei ihre besten, kommen jetzt dick aufgemotzt mit Bonus-Tracks, Remixen, DVD sowie als Vinyl wieder auf den Markt.
RATIONAL YOUTH "COLD WAR NIGHT LIFE" VS. SOFT RIOT "WHEN PUSH COMES TO SHOVE": ZAUBER DES ANFANGS
Rational Youth und Soft Riot verbindet vieles. Sie stammen aus Kanada und sind Ve
rfechter ungeschliffener Synthesizerklänge. Allerdings trennen sie schlappe 37 Jahre. Ein Beleg dafür, dass der vermeintlich naive Gebrauch analoger Elektronik auch nach so langer Zeit das Interesse zeitgenössischer Musiker weckt. Denn die klare Schönheit pluckernder Sequenzen gepaart mit maschinellen Rhythmen besitzt kein Verfallsdatum.
KURZ ANGESPIELT 12/19: ALEX BRAUN, NO NEW DAWN, EDWARD KA-SPEL, ASP, MICHAEL LANE, SOFIA TALVIK - GROSSE BESCHERUNG
Bevor sich die UNTER.TON-Redaktion in den wohlverdienten Winterurlaub verabschiedet, wollen wir noch sechs kleine musikalische Empfehlungen unseren treuen Lesern an die Hand reichen. Und weil ja gerade Weihnachten ist, soll auch jeder bedacht sein. Synthie-Popper, Cold-Waver, Goths und Folk-Fans: Sie alle werden hier fündig werden. Am Ende darf auch das obligatorische Weihnachtsalbum nicht fehlen.
IM GESPRÄCH - ANDRÉ SCHMECHTA: "AM ENDE MACHE ICH MUSIK NICHT NUR FÜR MICH ALLEIN."
Als Sevren Ni-Arb stand er jahrelang für gepflegt schroffen Dunkelelektro, den er mit seinem Projekt X Marks The Pedwalk stilsicher der lauschenden Gemeinde kredenzte. Nun begibt sich André Schmechta, wie er bürgerlich heißt, auf eine gänzlich neue Reise: "Music.For.Books" ist eine groß angelegte Albenreihe mit Sounds für verschiedene Literaturgenres. Die ersten vier Teile sind bereits auf dem Markt, weitere sollen folgen. Wir haben den Soundtüftler mit ausgeprägtem Lektüre-Faible um ein Gespräch gebeten.
KURZ ANGESPIELT 1/20: SCANDROID, THE SECOND SIGHT, JANOSCH MOLDAU, M!R!M!, STARS CRUSADERS - SÜSSER DIE SYNTHIES NIE KLINGEN
Mit "Blinding Lights" von The Weeknd hat es erstmals ein dem Synthwave nahestehender Song bis zur Spitze der deutschen Charts geschafft - auch dank einer häufig ausgestrahlter Automobil-Werbung, die diese Nummer als Untermalung nutzt. Doch was als so bahnbrechend retro erscheint, ist nur das Ergebnis einer immer stärkeren Hinwendung zu den hypermlodiösen Strukturen alter 80er-Pop-Stücke, wie sie bereits seit einigen Jahren in Sub- und Jugendkultur genutzt werden. Die überwiegend
noch aus dem letzten Jahr stammenden Alben belegen diesen, aus Sicht des Autors nicht unerfreulichen, Trend.
YANN TIERSEN "PORTRAIT" VS. GIAN MARCO CASTRO "OUT OF THE PAST": STILLLEBEN DER MELANCHOLIE
Spätestens seit der entzückend-surrealen Schmonzette "Die Fabelhafte Welt der Amélie" kennen und lieben die Menschen Yann Tiersen, der mit seinen Kompositionen eine ganz feinsinnige, geradezu lyrische Vorstellung von leichter Traurigkeit in seine Stücke verwebt. Mit "Portrait" blickt der Franzose auf sein bisher Geleistetes. Der nur halb so alte Gian Marco Castro, ebenfalls Komponist für Filmmusiken, mag von diesen Ehrungen noch ein gutes Stück entfernt sein. Doch auch er versteht es, mit seinen pianobasierten Miniaturen seines Erstlings "Out Of The Past" der Stille zwischen den Tönen Sinnhaftigkeit zu verleihen.
KURZ ANGESPIELT 11/19: BOX AND THE TWINS, SKEMER, NUOVO TESTAMENTO, VIRGIN TEARS: UNBESCHREIBLICH WEIBLICH
Erst kürzlich durfte der Autor dieser Zeilen eine intensiv geführte
Diskussion in den Sozialen Netzwerken zum Thema Frauenmangel in der musikalischen Subkultur gespannt und gleichermaßen erstaunt verfolgen. Inwieweit es tatsächlich so ist, dass das vermeintlich schwache Geschlecht im Post-Punk und seinen weiteren Spielarten unterbewertet ist, mag an dieser Stelle nicht erörtert werden. Die nächsten fünf "female fronted"-Gruppen beweisen jedenfalls, dass die musikalische Ausarbeitung von Trauer, Schmerz und Wut beileibe keine reine Männerdomäne ist.
DR.DREXLER PROJECT "KAPITALAKKUMULATION" VS. DAN SCARY "WOHNHAFT IN DER LECKT-MICH-ALLEE" VS. MONTAGE "POOL OHNE RAND": DAS GROSSE KOTZEN
Es brennt an allen Ecken und Enden der Bundesrepublik - und damit sind nicht die Kerzen auf den Weihnachtsbäumen gemeint. Gerade jetzt, wo uns Glühweinduft und süßliche Weihnachtsklänge sämtliche Sinne verkleben, braucht es die ätzenden Werke von Dr. Drexler, Dan Scary und montage, um nicht einen wesentlichen Punkt aus den Augen zu verlieren: Deutschland ist in jeder Hinsicht ein Sanierungsfall.
VARIOUS ARTISTS "DREAMS TO FILL THE VACUUM - THE SOUND OF SHEFFIELD 1978-1988": S - EINE STADT SUCHT IHREN SOUND
Die ganze Tristesse einer Industriestadt am Beginn ihres Niedergangs - eingefangen im Cover von "Dreams To Fill The Vacuum". Sheffield war grau, vor allem in den 1970ern und 80ern. Umso bunter war das musikalische Treiben, das uns dieses vier CDs umfassendes Kompendium deutlich vor Ohren führt. Punk, Post-Punk, Gothic und Electro-Pop verschmolzen dort zu einem einzigartigen "Sheffield-Sound", der die einstige Arbeiter-Metropole nach ihrem wirtschaftlichen Niedergang zu einem sub- wie popkulturellen Hotspot werden ließ.
KURZ ANGESPIELT 10/19: HERMETRIK, BLINDZEILE, KEINE ÜBUNG, KOMPLIZEN DER SPIELREGELN, THE SLOW SHOW, THE SOUND OF CBD - ERFOLGREICH NEBEN DER SPUR
Es gibt Musiker/innen, die fieberhaft nach neuen Klängen und Ausdrucksmöglichkeiten suchen. Es gibt Musiker/innen, die sich ganz der genrespezifischen Tradition verpflichtet fühlen. Und dann gibt es da noch diejenigen, die einem vorgaukeln, eine Musiksparte zu bedienen, aber dann doch eine gute Prise Wahnsinn und Freigeist auf ihre Kompositionen streuen, sodass man nie ganz so recht weiß, woran man eigentlich ist. Diese sechs kurz besprochenen Veröffentlichungen bieten genau das - und das ist wundervoll.
VIECH "NIEMAND WIRD SICH ERINNERN, DASS WIR HIER WAREN" VS. BUNTSPECHT "WER JAGT MICH WENN ICH HUNGRIG BIN": AUSTRO-ANTIPOP
Wieder einmal müssen wir neidvoll auf das benachbarte Östereich blicken. Ihr Verständnis von substantieller Pop-Musik ist schon hinlänglich bekannt. Doch schaffen sie es auch, in der Subversion glänzend hervorzutreten. Heute: Viech und Buntspecht. Zwei Bands, deren Namen in gemeinsamer Nennung nach alpenländlicher Heimatidylle klingt, aber genau das Gegenteil meint.
DANIEL GREEN "VANISH LIKE A CLOUD IN SUNLIGHT" VS. BALDABIOU "HÉLÈNE": KEEP CALM AND PLAY THE GUITAR
Singer-/Songwriter-Musik der alten Schule ist in den kühleren Monaten sicherlich nicht verkehrt. Daniel Green und Baldabiou sind dabei nicht nur nationale Eigengewächse mit einem hohen internationalen Standard, sondern - und das ist das entscheidende Auswahlkriterium, um bei UNTER.TON besprochen zu werden - in der Ausrichtung ihrer Saitenbearbeitung auch den Moll-Tonleitern in keinster Weise abgenei
gt. Sprich: Hier geht es flockig-melancholisch zu. Denn ein bisschen Traurigkeit steht einer Akustikgitarre immer gut zu Gesicht.
KURZ ANGESPIELT 9/19: IRIS, LOEWENHERTZ, WOLFRAM, JONTEKNIK, TR/ST: ELECTRO'S WHAT YOU MAKE IT
Unser nächster Streifzug durch die aktuellen Veröffentlichungen elektronischer Klangerzeuger bringt wieder einmal die erfreuliche Erkenntnis, dass es eigentlich gar nicht viel braucht, um sich nachhaltig ins Gedächtnis einzuprägen. Ob es dabei klassisch synthpoppig wie bei Iris, geradezu elektroschlageresk wie bei Loewenhertz, schwül-discoid wie bei Wolfram, vertrakt-rhythmisch wie bei Jonteknik oder einfach freigeistig wie bei TR/ST zugeht: Dem vermeintlich kühlen Plastiksound kann man immer noch sehr viel warmes
abgewinnen.
PHILIPP HOCHMAIR & DIE ELEKTROHAND GOTTES "WERTHER!" VS. MIRA MANN "ICH MAG DAS": WORT ÜBER KLANG
Liebe und Leidenschaft: Zwei Sujets, die seit Beginn der Literatur ständig verhandelt werden. Philipp Hochmair und seine Band Die Elektrohand Gottes greifen sich dabei den vielleicht liebeskränkesten Protagonisten der deutschen Schreibkunst - Goethes Werther nämlich - und schicken ihn und seine Leiden unter aufregenden Klangcollagen ins dritte Jahrtausend, während Mira Mann, eigentlich bei der Post-Punk-Truppe Candelilla tätig, auf ihrem Mini-Album "Ich mag das" eine experimentelle Spoken-Word-Performance über Zwischenmenschliches abhält.
KURZ ANGESPIELT 8/19: THE DEAD SOUND, WIRES & LIGHTS, L'AVENIR, AUTOMATIC, MEMORIA - NEUE HELDEN, ALTER GLANZ
Retro bleibt nachwievor das Gebot der Stunde. Junge Musiker und Gruppen greifen auf der Suche nach eigenen Ausdrucksformen gerne auch mal ganz tief in die Genre-Grabbelkiste, um sich von dem inspirieren zu lassen, was vor rund 35 Jahren bei der (alternativen) Jugend en vogue war. Kein zu verachtender Schritt, insbesondere wenn bei den folgenden Kurzbesprechungen deutlich wird, dass man sich nicht auf das Erbe der Elterngeneration ausruhen will.
ALTAR DE FEY "ORIGINAL SIN" VS. SWEET WILLIAM "LAUGHTER FILLED WITH PAIN" VS. THE HALO TREES "ANTENNAS TO THE SKY": WELTSCHMERZ IM WANDEL DER ZEIT
Als vor 40 Jahren eine Band namens Bauhaus die Single "Bela Lugosi's Dead" veröffentlichten, begann eine neue Zeitrechnung in der Musik. Zwar dauerte es noch ein paar Jährchen, ehe der Haufen aus Musikern, die sich gerne mit Horror-Themen und fatalistisch weltabgewandter Pose schmückten, das Label Goth-Rocker verpasst bekommen sollten, aber ihre originäre Art und Weise, Punk und New Wave derart nihilistisch zu interpretieren,
sollte nachfolgende Musikergenerationen inspirieren. Anhand drei aktueller Veröffentlichung lässt sich der Werdegang dieses Musikstils sschön skizzieren - von den rumpelig-ungestümen Anfängen von Altar De Fey über die kontemplativen Momente bei Sweet William und einer sehr freien und doch klassischen Schwarzrock-Variante, wie sie The Halo Trees vollziehen.
IM PROFIL: VETTER_HUBER - EXPERIMENT UND EXTASE
Der eine ist Performancekünstler, der andere Klangtüftler. Zusammen bilden sie das vielleicht aufregendste Duo in der elektronischen Musikwelt seit Ralf Hütter und Florian Schneider. "Eskalation im Paradies" lautet der Erstling von Jens Vetter und Patrik Huber, kurz Vetter_Huber, und gibt einem vor sich hindarbendem Genre neue Impulse. Deswegen reicht eine profane Besprechung an dieser Stelle nicht aus - man muss Vetter_Huber schon in seiner Ganzheit kennen lernen, um zu verstehen, dass hier etwas Großes auf die Menschheit losgelassen wird.
KURZ ANGESPIELT 7/19: WELLE: ERDBALL, MÖRDELIN, DEAD MASCOT, D.NOTIVE, NATURE OF WIRES, VIOLETTA ZIRONI: KURZ UND GUT
Traditionell dient
die Single oder EP als geeignetes Distributionsmittel, um die Wartezeit auf ein Album zu verkürzen. Im allgemeinen Vertriebswandel in der Musikbranche wird das Hauptaugenmerk aber wieder auf den einzelnen Song verstärkt, sodass Kleinformate einen höheren Stellenwert erhalten als noch vor einigen Jahren. Im Falle der hier vorgestellten sechs "schnellen Nummern" wünscht man sich aber über kurz oder lang auch ein solides Album. Denn diese kleinen Klang-Happen machen den Mund wässrig - oder besser gesagt: die Ohren geschmeidig.
DIE SAUNA "SO SCHÖN WIE JETZT WAR ES NOCH NIE" VS. DIE KERZEN "TRUE LOVE": SEIN UND SCHEIN
Dass die Welt nicht erst seit gestern in eine Werte-Schieflage geraten ist, dürfte einem angesichts tagtäglich immer abstruserer Diskussionen in allen Bereichen der Gesellschaft nicht entgangen sein. Am Ende sorgen sich nicht wenige Bürger aber dann doch eher um eine gelungene Insta-Story als um den weiteren Werdegang unseres Erdballes. Was kann man da als fühlender und denkender Mensch - und Künstler - tun? Entweder in einen heillosen Existenzialismus verfallen, wie es Die Sauna auf "So schön wie jetzt war es noch nie" betreiben, oder wie Die Kerzen auf "True Love" mit dekadentem Schmalz-Sound im New-Romantic-Gewand der Welt entfliehen. Beide Alben jedenfalls skizzieren ziemlich genau, in welchem Dilemma sich Deutschland momentan befindet - und liefern nebenbei hochkarätigen Stoff abseits kuschelweichem wie krudem Konsens-Pop made in Germany ab.
BROR GUNNAR JANSSON "THEY FOUND MY BODY IN A BAG" VS. FREDDIE DICKSON "BLOOD STREET": ABGRÜNDIGES ZUR ABENDSTUNDE
Kühle, graue Herbsttage eignen sich traditionellermaßen hervorragend für ein paar Nummern, die mit ihrer molllastigen Intensität unter der Haut gehen. Beim Garagen-Blueser Bror Gunnar Jansson geschieht dies durch die Vermengung von kratzigen Rocknummern mit authentischen Kriminalfällen, während Freddie Dickson sich auf seinem neuesten Album mit entspannt-hallendem TripHop-Gitarrenschwof als verlorene Seele stilisiert, der im hektischen Großstadttreiben nach Halt und Ruhe sucht.
PRINCIPE VALIENTE "OCEANS (DELUXE)", GOLDEN APES "KASBEK", SILVERMANNEN "MITT I BILDEN": ZWEITER LABEL-FRÜHLING
Vor nicht ganz einem Jahr haben wir das Wirken des kleinen aber feinen Labels afmusic zu seinem zehnten Geburtstag mit einem ausführlichen Interview mit Chef Falk Merten sowie Besprechungen der damas aktuellen Veröffentlichungen zu würdigen. Nun tauchten im elektronischen Briefkasten unserer Redaktion alt bekannte Namen aus ihrem Roster wieder auf: Principe Valiente und Golden Apes sind mit die strahlungskräftigsten Bands dieses Labels. Doch angeschrieben wurden wir von Aenaos Records. Was war da denn los? Es hat kurz gedauert, um zu verstehen, dass afmusic sich unbemerkt umgetauft und neu strukturiert hat. Ihr feines Näschen für gute Bands haben sie aber beibehalten.
VARIOUS ARTISTS "GRENZWELLEN VIER" VS. "GRENZWELLEN FÜNF": DIE VERMESSUNG DER MUSIK
Wenn ein Musikjournalist und Radiomoderator im weltweiten Netz nach Beiträgen für seine Kompendien fragt und gleich so viele hochwertige Zusendungen erhält, dass er daraus zwei mehrstündige Digital-Sampler voll von einmalig schönen Nummern erhält, muss dieser doch einiges richtig gemacht haben. Ecki Stieg lotet in seiner Sendung "Grenzwellen" die Tiefen der Musik aus; bei seiner gleichnamigen Samplerreihe dabei zu sein, ist für viele sicherlich ein Privileg. Auf dem vierten und fünften Teil seiner Reihe nimmt er uns abermals mit auf eine tönerne Reise in das Undenkbare der Klangerzeugung und macht sie für uns erfahrbar. Träumen, tanzen, meditieren: bei "Grenzwellen" alles gleichzeitig möglich.
PAUL DEN HEYER "EVERYTHING SO FAR" VS. RICHARD HAWLEY "FURTHER": SONNENDURCHFLUTETE SCHWERMUT
Die UNTER.TON Redaktion gehört nicht unbedingt zu den exzessiven Sonnenanbetern und kann mit der jetzigen kühleren Luft gut leben. Aber wir wissen natürlich auch, dass es da einige ganz Traurige gibt, die sich ganzjährlich nach Temperaturen jenseits der 25-Grad-Marke und wolkenlosem Firmament sehnen. Für all diejenigen gibt es jetzt wenigstens den mentalen Non-Stop-Sommer in Form der ausgesprochen schmeichelnden Alben von Paul Den Heyer und Richard Hawley, die sich zwischen psychedelischem Folk-Pop, angebluestem Garagen-Rock und schmalzerfülltem Crooner-Tum bewegen - natürlich inklusive einer gehörigen Portion melancholischer Hundstage-Feelings.
KONTRAST "UNAUFHALTSAM" - AUF DER STRASSE ZUR PERFEKTION
Den Status als Haus- und Hofharlekine der Schwarzen Szene haben Kontrast mittlerweile hinter sich gelassen. Ganz gleich wie oft aus den Düster-Diskotheken "Einheitsschritt" noch ertönen mag: Sie gehen nicht mehr "drei Schritte vor und drei zurück", sondern geben sich auf ihrem fünften Album "Unaufhaltsam"
, was wörtlich zu nehmen ist. Denn das durch Crowdfunding finanzierte Werk offenbart nicht nur klangliche Ausgereiftheit, sondern präsentiert das Nordostdeutsche Klangkombinat einmal mehr als mitreißende Erzähler von Geschichte und Geschichten. Dementsprechend geraten im Gespräch mit Musiker Dirk und Sänger Roberto ihre persönlichen Erfahrungen immer wieder in den Vordergrund.
KURZ ANGESPIELT 6/19: GROTTO TERRAZZA, MEAGER BENEFITS, LOTUS FEED, LUCKY AND LOVE: ECKEN, KANTEN UND JEDE MENGE STAUB
Zu jeder Strömung gibt es es eine Gegenbewegung. Die Antwort zu den hyperaufpolierten Pop-Songs, bei dem nicht mal mehr das kleinste Rauschen zu hören ist, sind jene Alben, die wir in der Juni-Ausgabe von "Kurz angespielt" präsentieren. Hier summt, brummt und scheppert es, dass es nur so eine Art hat. Der scheinbar unperfekte, etwas hilflos wirkende Klang ist aber bewusst gewählt, um jenes Gefühl wieder aufleben zu lassen, dass vor allem die Post-Punk-Szene einst so berühmt gemacht hat: nämlich das der unbändigen und von Plattengroßkonzernen unabhängigen Lust am Experimentieren mit den einfachsten Mitteln.
WAS MACHEN EIGENTLICH DIE PERLEN?
Klammheimlich und ohne großes Aufsehen haben die Perlen aus Nürnberg ihre Karriere vor zwei Jahren beendet. Das Electro-Clash-Duo hatte zwar nie die ganz große Aufmerksamkeit erhalten, ihre Songs allerdings besitzen eine zeitlose Schönheit. Im Gespräch mit den beiden Perlen Ferdinand Ess und Katja Hah wird aber deutlich, dass sie nicht komplett aus der Welt sind - und dass nicht jeder Schluss endgültig sein muss.

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